Von Hanns-Bruno Kammertöns

Nicht eben ein Auftakt nach Maß. Es war gerade mal das zweite Spiel, das der junge Aron Schmidhuber zu pfeifen hatte. Wie es so kommt im Fußball, ein Foul gab das andere, und es geschah, Schmidhuber zog zum ersten Mal die Rote Karte. Doch anstatt unverzüglich das Feld zu räumen, schritt der Sünder auf den Schiedsrichter zu, holte aus und überraschte ihn mit einer Ohrfeige. Wieder pfiff Aron Schmidhuber, Abbruch, das Spiel war aus.

Traumatische Erlebnisse? Das Beispiel Schmidhuber beweist, daß man sie – im Fußball wenigstens – überwinden kann, wenn man es nur richtig will. Der Mann aus Ottobrunn bei München ließ sich nicht beeindrucken. Ausführliches Fußballregelstudium, ausgiebiges Langlauftraining von bis zu vierzig Kilometern in der Woche. 1980 avanciert er zum Schiedsrichter der Bundesliga. Zwei Jahre später rückt Schmidhuber in den erlauchten Kreis der Fifa-Schiedsrichter auf.

Bei der Weltmeisterschaft in Italien war er mit von der Partie, und auch jetzt, bei der Europameisterschaft in Schweden, ist es nicht anders. Schmidhuber, beruflich als Klinikreferent mit dem Verkauf von Desinfektionsmitteln befaßt, ist der einzige deutsche Schiedsrichter in diesem Turnier. Als er vor wenigen Wochen von seiner Nominierung erfuhr, war er stolz. Daß er überrascht war, möchte er nicht bestätigen. Er empfindet es eher als Ergebnis einer Zwangsläufigkeit. Gerechter Lohn für gute Leistungen, ja, warum nicht, so könnte man es sagen.

Was einen Schiedsrichter gut macht? Am Ende bleibt, wie so oft im Fußball, ein Rest von Geheimnis. Natürlich gibt es die offiziellen Kriterien, das Laufvermögen des Mannes in Schwarz, sein Stellungsspiel, sein Verhalten bei Kritik. Die einschlägigen Breviere fordern dazu, daß der Schiedsrichter das Spiel stets „zwischen sich und den Linienrichtern“ zu halten habe. Auf seinen Wegen über das Fußballfeld wähle er dafür am besten eine „variable Diagonale“. Soweit die Theorie, und dann kommt das Wochenende.

Der Schiedsrichter steigt aus der Tiefe der Tribüne, macht ein paar Schritte, und mit einem Mal ist seine kleine Welt ganz groß. Die Bühne, bis zu 90 Meter breit und 120 Meter lang. Besetzt von 22 Spielern, die alsbald drängeln, schreien und schimpfen, und dazu dieses Publikum auf den Rängen, von dem man annehmen darf, daß es Schiedsrichter nicht mag.

Bevor Aron Schmidhuber nach Schweden reiste, war ihm die Leitung eines Spiels anvertraut, in dem es um den Aufstieg in die zweite Bundesliga ging. FC Berlin gegen Union Berlin, Austragungsort das Jahnparkstadion unweit des Alexanderplatzes in Ostberlin. Fußball an der Basis. Gut viertausend Zuschauer, mehrere hundert Polizisten; es dauerte nicht ganz eine halbe Stunde, und die Union-Fans skandierten munter das Motto „Schlagt sie, die schwarze Sau!“

Schmidhuber schien es nicht zu hören. Unbeeindruckt und auf diagonalem Kurs durchmaß er das Spielfeld. Nur einmal, kurz vor dem Ende der zweiten Halbzeit, sah es so aus, als könnte er für einen Augenblick die Beherrschung verlieren. „Geh weg da“, beschied er laut und vernehmlich einen Spieler, der nicht hören wollte. Ein kurzer Ausbruch von Zorn, den er im nachhinein auch im Ton noch statthaft fand. „Die Spieler duzen mich, also duz’ ich sie auch.“

Unabhängig davon, Schmidhuber legt Wert auf die Feststellung, daß ein guter Schiedsrichter auf dem Spielfeld überhaupt keine Gespräche führt. Ein Lob, formuliert unter dem Eindruck eines besonders schönen Doppelpasses, schon der Gedanke scheint ihm deplaziert. Was könnte einen Unparteiischen mehr diskreditieren als die Vermutung eines Hauchs von Parteilichkeit? Es gibt die Pfeife und diese Handzeichen, die doch jeder kennt. Also hält man besser den Mund.

Worte voller Überzeugungskraft, von weit ausholenden Armen immer wieder gestenreich unterstrichen, man kann es nicht anders sagen, Schmidhuber ist ein Mensch, der auf bemerkenswerte Weise in sich ruht. Andere Schiedsrichterkollegen mögen nach rüden Beschimpfungen entkräftet und gebrochen aus dem Amt geschieden sein, ihn ficht es nicht an. Unerschrocken gibt er sich nicht nur während des Spiels, sondern auch danach. Daß er den Buhmann abgeben muß, daß er auch sehr einsam ist auf dem Fußballfeld, all dies verfolgt ihn allenfalls bis in die Kabine, aber nicht weiter. Zu Hause in seiner Wohnung läuft ein Anrufbeantworter. Wenn ihm jemand etwas will, dann ruft Schmidhuber einfach nicht zurück.

Doch so achtlos er auch auf den geballten Zorn des Publikums zu reagieren weiß, bei den Spielen kennt er kein Pardon. Kritik an seinen Entscheidungen („Ich bin streng und konsequent“) läßt er, wenn überhaupt, nur in äußerst engen Grenze? zu. Mit einem Platzverweis ist er schnell zur Hand, was auch damit zu tun hat, daß Schmidhuber, er gibt es zu, schnell beleidigt ist. Nicht nur die gebräuchlichen Begriffe aus dem Fäkalbereich ahndet er unverzüglich, auch auf andere böse Worte reagiert er empfindlich. „Schieber“ zum Beispiel, ungestraft darf ihn so niemand nennen. „Ein Schiedsrichter betrügt nicht“, wer es trotzdem behauptet, der sei „böswillig“ und gebe Anlaß zu der Vermutung, daß er von der Materie keine Ahnung habe.

Die Käuflichkeit des Unparteiischen, immer wieder beschworen und vermutet, Schmidhuber mag es nicht mehr hören. Die Regularien seien eindeutig und überall nachzulesen. Genau 100 Mark bekomme ein Schiedsrichter für die Leitung eines Bundesligaspieles, der DFB zahle die Anreise und im übrigen eine sogenannte „Trainingspauschale“ von wenig mehr als 500 Mark im Monat. Der Rest sei so etwas wie guter Brauch. Traditionell lädt der gastgebende Verein nach dem Spiel Schieds- und Linienrichter zu einem Abendessen ein. Zwar räumt Schmidhuber ein, daß der Weg dabei selten in „Kaschemmen“ führe, doch alles in allem, wer wollte dabei ernsthaft von Käuflichkeit sprechen? Zum Abschied dann noch einen Vereinswimpel und dazu einen Bierhumpen, man muß es dem Schiedsrichter wohl glauben, daß es nicht das Geld ist, das ihn in die Stadien treibt.

Doch was ist es sonst? Geltungsdrang oder eben doch nur beherzter Masochismus? Die Meinungen wogen hin und her, die Fachwelt wirkt unentschieden, und Aron Schmidhuber ist letztlich ganz gleich, „was die Leute sagen“. So wie Rudern oder Schwimmen begreift er das Schiedsrichtern schlicht als eine Form von Leistungssport. Ein guter Schiedsrichter läuft auf einem Fußballfeld soviel wie ein guter Spieler. Schon vor knapp zwanzig Jahren hatte Schmidhuber diese Erkenntnis. Damals, er stand als Libero in Diensten des bayerischen TSV Brunnthal, mußte er die Fußballschuhe nach Meniskusoperationen für immer ausziehen. Sich zum Schiedsrichter zu verändern erschien ihm in dieser Situation als das Nächstliegende.

Mittlerweile ist Schmidhuber 45 Jahre alt, seinen Pragmatismus und seine ungebrochene Lust am „Leistungssport Schiedsrichter“ hat er weitgehend unbeschadet über die Zeit gerettet. Durchschnittlich 75mal im Jahr leitet er Spiele im In- und Ausland, doch diese Tätigkeit hat ihn alles andere als fußballverrückt gemacht. Ein Lieblingsstadion, ein Lieblingsverein, selbst wenn er es dürfte, wenn es denn zu vereinbaren wäre mit der Rolle eines Unparteiischen, er wüßte keine Namen zu nennen.

Schach zählt er zu seinen Hobbys und im Winter Skilanglauf. Manchmal sieht er auch Fußball im Fernsehen, doch Schmidhuber ist nicht der Mann, der alles unternimmt, um nur ja die Sportschau nicht zu verpassen. Abgesehen davon, sich selbst zu betrachten, sich vorgeführt zu sehen mit Entscheidungen, die Reporter mit Hilfe von Zeitlupen reinwaschen oder niedermachen, er erspart es sich gerne, dann schaltet er ab. Daß es in Deutschland an Schiedsrichtern und an geeignetem Nachwuchs fehlt, ihn verwundert es nicht.

Traurige Perspektiven, doch immerhin, zwei Jahre steht Aron Schmidhuber noch zur Verfügung. Dann ist er 47, die Altersgrenze für Unparteiische. Was dann kommt, es wird sich finden. Jedenfalls macht er weiter mit Sport. Vielleicht irgendwo in den Bergen. Kein Gegröle, keine Zeitlupen, keine Besserwisser. Daß „der Fußball nichts ist ohne Schiedsrichter“, Schmidhuber wird es dann keinem mehr sagen müssen.