Von Gunter Hofmann

Nicht zum ersten Mal wird ihm das Ende seiner politischen Karriere prophezeit. Aber vielleicht ist es wieder zu früh. Oskar Lafontaine ist zäh.

Auch Franz Josef Strauß, dem er in mancher Hinsicht ähnelt, war mit der Zeit immun geworden gegen die Folgen selbstverschuldeter Affären. Gewiß gelten in der SPD andere Maßstäbe; man kann die Parallelen nicht zu weit treiben, aber so falsch ist diese nicht.

An Oskar Lafontaine scheiden sich schon lange die Geister. Der Saarländer aus Überzeugung, 1943 in Saarlouis geboren, zählt zu den Ausnahmeerscheinungen in der Politik. Er polarisiert mehr, er löst mehr Diskussionen aus, er verstößt häufiger gegen Tabus, und er bestärkt auch mehr Stammtisch-Ressentiments als andere.

Der eine Politikertypus hat seinen besten Darsteller in Jürgen Möllemann gefunden. Das Image, das nicht immer die Wahrheit verrät, zeigt den Freidemokraten als glatten Politikmanager, der alles verkörpert, was zum Ansehensverlust des Berufsstandes heute beiträgt: Karriere statt Stetigkeit, Public Relations statt Substanz, Eigennutz statt Gemeinsinn.

Oskar Lafontaine ist so etwas wie sein Gegenpart. Er kommt keineswegs glatt daher. Karriereheißhunger wird ihm nicht nachgesagt, zumindest nicht mehr, seit er nach Partei- und Fraktionsvorsitz in der SPD hätte greifen können, aber zurückzuckte. Er hat sogar im richtigen Moment gezaudert. Er sagt oft, was er denkt oder auch was man glauben soll, wie er denkt.

Unter den Politikern ist Lafontaine derjenige, der am ungeniertesten von Parteirichtlinien abschweift. Zu enge Korsetts rauben ihm die Luft. Das zeigte sich im Raketenstreit mit Helmut Schmidt und im Konflikt um die Kernenergie. So war es, als er die Gewerkschaften mit seinen Bemerkungen zur Arbeitszeit ohne Lohnausgleich herausforderte. Die Partei verprellte er, als er dafür plädierte, den Grundgesetzartikel 16 zu ändern und den Asylantenzustrom zu stoppen.