Von Christian Schmidt-Häuer

In dieser Woche ist es ein Jahr her, daß über hundert Millionen Bürger zum ersten Mal in der Geschichte Rußlands ihr staatliches Oberhaupt frei wählten: Boris Jelzin. Und genau ein halbes Jahr ist vergangen, seit der Präsident Rußlands zusammen mit den Staatschefs der Ukraine und Weißrußlands auf einer verschneiten Datscha bei Brest das Reich der Zaren und ZK-Sekretäre zur Teilung freigab. In der kommenden Woche reist der russische Vollstrecker des sowjetischen Imperiums zum Staatsbesuch nach Washington. Boris Jelzins entschiedene und gleichzeitig erratische Amtsführung, seine Autorität und Provinzialität, Intuition und Improvisation, Ehrlichkeit und Eitelkeit sind kaum besser zu charakterisieren als mit einer Bemerkung, die der russische Präsident selbst gegenüber George Bush am 1. Februar in Camp David machte. Dem Regisseur Mark Sacharow vertraute Jelzin kürzlich an:

"Ich habe ihm gesagt: ‚Wir betrügen Sie immer noch, Herr Bush. Wir haben versprochen, die bakteriologischen Waffen zu vernichten. Aber einige unserer Experten unternehmen alles, damit ich nicht die Wahrheit erfahre. Es ist nicht leicht, aber ich hab’ sie überlistet, auf frischer Tat ertappt, zwei Versuchsgelände gefunden. Auch mit der Zahl der Atomsprengköpfe haben wir uns wie ehrlose Menschen verhalten. Beim Umfang der Armee und bei den versprochenen Reduzierungen haben wir gelogen.’ Bush war zuerst fassungslos, dann aufgeregt und schließlich gerührt. Ich habe bis jetzt nicht gelernt, die Leute zu betrügen, ob sie nun Russen oder Amerikaner sind."

Wieviel Wahrheit erfährt Boris Jelzin über sein Land, in dem es keine zuverlässigen Daten und Orientierungsmarken mehr gibt? Welche Widersacher kann er noch überlisten? Und hat der Sieger über Partokratie und Putschisten die Russen – und sich selbst – wirklich nicht betrogen?

Der Wahlkämpfer Jelzin hatte vor einem Jahr seine Popularität daraus bezogen, daß er die furchtbaren Zumutungen, die der Alltag den Bürgern abverlangte, zu verstehen schien und bis zur Erschöpfung bekämpfen wollte. Doch im guten Glauben an eine unvermeidbare Radikalkur hat Boris Jelzin diesen Alltag noch viel unzumutbarer gemacht. Zu lange und zu einseitig folgte er der weitgehend vom Internationalen Währungsfonds diktierten Schocktherapie einer rein monetären Stabilisierung. Erst in den vergangenen Wochen hat der russische Präsident – unter dem Druck der Massen und der Macht des Industriellenverbandes – begonnen, sich vom Währungsfonds und dessen unzureichender Beachtung der sozialökonomischen Bedingungen Rußlands zu distanzieren.

Der Orkan der Inflation hat Sozialstrukturen, Statushierarchien und Lebensvorstellungen der Gesellschaft geknickt. Doch Jelzin, im Bemühen, seinen Staat durch Kapitalismus und Kredite aus der Katastrophe zu führen, hat ihn auch brachial mit der Wahrheit konfrontiert, vor der Michail Gorbatschow stets zurückschreckte. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten muß Rußland beweisen, daß es ohne Expansion nach außen und Unterdrückung nach innen überhaupt zu zivil geordneten Arbeits- und Lebensformen fähig und in diesem Sinne auch regierbar ist. Aber unter dem Druck der Erblasten kann so schnell niemand – von der Staatsführung abwärts – diesen Beweis erbringen. Das hat inzwischen auch Jelzin bitter erfahren müssen.

Weil die Inflation die auf die Preisfreigaben miserabel vorbereitete Notenpresse längst überrollt hat, weil Tausende von Notrufen zusammenbrechender Betriebe, die seit Monaten keine Rubel für Löhne und Zulieferungen mehr erhalten haben, nach Moskau schrillen, eilt Jelzin als rettender Geldbote durchs Land. In der stickigen Industriestadt Barnaul am sibirischen Altai-Gebirge verkündete er kürzlich den Arbeitern: "Was die Löhne betrifft, die hier nicht ausgezahlt worden sind: Mit mir ist ein Flugzeug gekommen, das 500 Millionen Rubel gebracht hat." Den mit Streik drohenden, weil unbezahlten Kusbas-Kumpeln schickte er 25 Millionen Rubel in Eisenbahnwaggon. Der staatsgefährdende Bargeldmangel hat die Schlangen von den Straßen verschwinden lassen – dafür drängen sich die Menschen angstvoll an den Gehaltskassen. Wer weiter hinten steht, muß oft erleben, daß das Bargeld ausgeht, bevor er an der Reihe ist. Stumm geht da mancher nach Hause, der weiß, daß es in den nächsten Tagen kaum zu einem warmen Mittagessen reichen wird.