Die beiden Hamburger Deichtorhallen sind nicht gerade ein Zweifamilienbungalow. Aber der hätte Platz in jeder von ihnen, besonders in der größeren. Die große Hamburger Deichtorhalle, früher der Ort für den Gemüse-Großmarkt, ist der schönste und geeignetste Ort für eine Ausstellung von Gerhard Merz. Das findet auch Merz selber. Denn er braucht nicht nur Wände, er braucht Platz für Räume im Raum. Gut 4000 Quadratmeter sind hier, das dürfte reichen. Aber was würde ein Künstler wie Gerhard Merz machen, wenn die wildwachsende Industriegesellschaft nicht die Kathedralen ihrer Gründerzeit der wildwachsenden Kunstszene hinterlassen hätte (und in diesem Falle nicht auch den Hallenchef Zdenek Felix, der sie ihm geöffnet hat)?

Man kann diese Frage ruhig einmal in die Luft werfen, gerade weil sie Gerhard Merz selber nicht betrifft, der sich zwar in einem Raum wie diesem mit einer monumentalen Geste artikulieren kann, der aber auch in anderen Zusammenhängen und Räumen genau das gemacht hat und machen würde, was in Hamburg zu sehen und zu erfahren ist und was er selber unter dem Anspruch zusammenfaßt: "Kunst ist nicht für kleine und große Kinder, Kunst ist ein geistiger Kampfplatz."

Gerhard Merz, das sieht man, hört man und liest man, ist kein Wischiwaschi-Künstler mit Anything-goes-Parlando. Er spielt nicht herum, mimt nicht den Zeitgeist-Zyniker. Er ist streng mit sich und den anderen. Seit Ad Reinhardt, dem Maler der schwarzen Bilder und des Diktums "Kunst ist Kunst, und alles andere ist alles andere", hat er eigentlich kaum etwas gesehen, was seiner Vorstellung von der Kunst Genüge tut. Der von ihm apostrophierte Kampfplatz Kunst ist aber alles andere als ein Schlachtfeld, eher schon ein Orden mit strengem Reglement. Denn die Provokation von Gerhard Merz liegt nicht im Affront, sondern, wie Uwe M. Schneede im Katalogteil schreibt, der zur Fortsetzung der Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle gehört, allein in der Konsequenz, mit der er "auf dem höchsten Anspruch der Kunst besteht".

Wie aber kann dieser Anspruch aussehen? "Archipittura" heißt, einen italienischen Terminus aufnehmend, die Hamburger Doppelausstellung. In der Kunsthalle ist der "Studiolo" genannte Teil zu sehen, ein Saal, in dem ein überdimensionaler Tisch und zwei Regale stehen, in denen, sparsam verteilt, monochrome Bilder, ein Architekturmodell, ein Edelstahlstab, eine Reißschiene, eine Glasplatte und eine Graphikmappe liegen. Der Denk- und Arbeitsraum des Künstlers, zwischen den Gegenständen der Malerei und der Architektur? Ein verlassener Andachtsraum? Der Raum in der Kunsthalle ist ambivalent, irritierend in seinem Zwitterdasein von Arbeitsplatz und Skulptur. Und genau das macht den Reiz dieser Situation aus. Und schafft den Kontext und den Kontrast zu dem, was in der Deichtorhalle dann zu durchwandern, zu durchschreiten ist: das gigantische, makellose Doppelwerk der Architekturmalerei.

Für den mittleren Trakt, das Hauptschiff der Halle, hat Merz eine sechsteilige Raumfolge entworfen. Sie beginnt mit einem Gang, an dessen Wänden Tafeln aus mattiertem Glas hängen. Zwei schmale, hohe Öffnungen geben dann den Blick frei auf jeweils zwei Räume links und rechts. "Ed io anche son pittore" steht, über einer Reißschiene und der Jahreszahl 1992, schwarz auf schiefergrauer Wand im ersten, "Ed io son architetto" im Raum gegenüber. Nach dem Blick, dem Gang in die nächsten beiden Räume, mennigrot die Wände bis zur halben Höhe, dann diamantschwarz, steht man in einer Art Innenhof einem hellen, flachen langgestreckten Flachdachbau gegenüber, der mit seinen Maßen von 19,5 x 10 x 4 Metern zwar ungewöhnlich ist, gewaltig aber weniger durch die Dimension als durch den Anspruch wirkt, den er setzt. Die Skulptur, die kein Bau ist, aber doch ein Stück Architektur, bezieht sich auf einen berühmten Bau der zwanziger Jahre, Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon. Sie ist kein Nutzbau, sondern ein dreidimensionales ästhetisches Manifest: Eine symmetrische, offene Struktur steht auf einem Sockel, die Trennwand aus mattiertem Glas ist transparent, aber nicht durchsichtig, von Edelstahl in sieben Kompartimente unterteilt. "Macht die Luft vor Klarheit erzittern", ein Satz des italienischen Renaissance-Dichters Cavalcanti, steht, weiß auf weiß, auf der Basis, dem Podest. Ein Pergamon-Altar aus der Bauhaus-Zeit, ohne Götter und Giganten? Mit dem letzten Raum der Halle, in dem sechs schiefergraue Leinwände hängen, komplettieren sich die Teile der Arbeit, der Ausstellung. Ausschweifend und diszipliniert zugleich, kühl und mit großer Geste sind Maß, Farbe, Licht, die für Merz "nackten Waffen der Kunst", hier genutzt worden. Wobei die rigiden, kühlen Formen und kämpferischen, klaren Formulierungen von Merz, die sich so wohltuend vom Nebelkerzen-Auftritt manch anderer Künstler unterscheiden, darüber hinwegtäuschen, daß Merz in Wahrheit ein Romantiker ist. Er träumt von der Macht der wahren Kunst. Aber der Altar, den er ihr baut, ist eine verlassene Stätte (Deichtorhallen und Kunsthalle bis zum 26. Juli, der zweibändige, informative Katalog kostet 40 Mark). Petra Kipphoff