Von Helmut Kuhn

Als Sabina Agid im tristen Novembernebel des Jahres 1947 von Bord des schwedischen Schiffes Gripsholm ging und den Pier 19 in New York betrat, hatte sie bereits einige Jahre des Exils in der Schweiz hinter sich. Wien, die Stadt ihrer Kindheit und Jugend, die sie heute noch haßt und liebt zugleich, hat sie 1939 verlassen müssen. Sie ist Jüdin. An diesem Novembermorgen weiß sie, die mit Mutter und Schwester gekommen ist, daß sie die Heimat nie wiedersehen will.

Rosa Winkler erreichte denselben Pier an Bord der MS New York bereits vor dem Krieg. Sie ist Protestantin. Sie verließ das heimatliche Stuttgart nicht, weil sie verfolgt wurde, sondern weil sie keine Arbeit gefunden hatte. Ihre Verwandten blieben zurück. In der Neuen Welt gab es Arbeit und Brot.

Sabina Agid findet über eine Anzeige in der deutschjüdischen Zeitung Aufbau eine Wohnung an der 162. Straße in Washington Heights, zwischen Broadway und Riverside Drive. In den Jahren von 1934 bis 1947 kamen etwa 135 000 deutsche und österreichische Juden nach Amerika, von denen sich zwei Drittel in New York ansiedelten, 20 000 allein in Washington Heights von der 155. bis zur 207. Straße am Nordzipfel der Insel. Das „Fourth Reich“ nannten Amerikaner und alteingesessene Juden das Viertel spöttisch. In den Straßen sprachen die Menschen jiddisch oder deutsch, sehr wenig englisch. „Nur der Hausmeister in unserem-Haus war ein deutscher Christ, der aber schon vor dem Krieg hergezogen war“, erinnert sich Sabina Agid. „BH“, das heißt „Before Hitler“ und ist im Vierten Reich eine eigene Zeitrechnung.

Rosa Winkler bezieht über eine Anzeige in der New Yorker Staats-Zeitung & Herold eine kleine Zweizimmerwohnung an der 87. Straße auf der Ostseite Manhattans, im beinahe geschlossen deutschen Viertel Yorkville. In ihrer Umgebung leben deutsche Christen, Protestanten und Katholiken, die von der Jahrhundertwende bis in die frühen dreißiger Jahre eingewandert waren oder Nachkommen der Einwanderer sind, die 1848 nach der Revolution ihre Heimat verlassen hatten. Von 1919 bis 1933 durchliefen 430 000 Deutsche Ellis Island, die erste Station der Neuen Welt.

In Yorkville stellt Rosa Winkler fest, daß es vom Central Park bis zur Second Avenue und von der 70. bis zu 90. Straße vieles gibt, was sie an zu Hause erinnert: das „Café Geiger“ und die „Kleine Konditorei“, das „Jägerhaus“, der elegante „Schwarze Adler“, die „Lorelei“, Bierkeller und deutsche Kinos. Das Bremenhaus: eine Art Supermarkt, in dem sie vom Kaffee über Meißner Porzellan, Marzipan und Plauener Spitzen bis zu deutschen Zeitungen alles findet, was sie sucht. Karl Ehmer und Schaller & Weber, die deutschen Metzger, bieten ihr Blut- und Leberwürste, das Restaurant „Ideal“ und das „Old Heidelberg“ Sauerbraten und Rotkohl, die „Tanzstuben“ den Wiener Walzer; die St.-Zions-Kirche zelebriert protestantischen Gottesdienst, der Liederkranz und der Literarische Verein wiegen deutsche Kultur in geselliger Runde.

Sabina Agid fand in Washington Heights ähnlich Vertrautes vor: Schächter, Chassidim mit schwarzen Hüten, Lox und Rugalach, eine Filiale der „Ess-a-Bagel“-Kette, Devotionalien, Synagogen, Buchhändler und Klavierlehrer. Ihre Schwester, die an der Upper West Side in der 72. Straße wohnte, hatte schon Bekanntschaften geschlossen. Wenn sie zusammen in das „Café Eclair“ auf der 72. Straße gingen, dann begegnete ihnen sogar manchmal – die Welt ist ein Dorf – ein alter Wiener Bekannter. „Die Amsterdam Avenue nannte man im jüdischen Volksmund den ‚Sansinet-Boulevard‘“, schreibt der österreichische Historiker Frederik Morton: „Man ging die Straße entlang und traf auf jemanden ... ‚Ja, san‘ Sie net der Herr... wie war doch gleich der werte Name?“ In der Ausgabe des Aufbau vom 15. Oktober 1939 finden sich unter der Rubrik „Zimmernachweis“ auf drei Seiten ausschließlich Wohnungen auf der Westseite Manhattans.