Von Katja Pols

Wenn Lucia Rijker im Ring steht, ist das für sie wie Krieg – mit Publikum. Sie braucht das Raunen der Menge, das Licht der Scheinwerfer, die Nervosität vor dem ersten Schlag. Sieg ist ihr einziger Gedanke. Dann rammt sie der Gegnerin die Faust an den Kopf, das Knie in den Bauch, den Ellenbogen ins Gesicht. Mitleid empfindet sie als Schwäche.

Seit sieben Jahren schlägt sich die 24jährige Niederländerin als Thai- und Kickboxprofi durchs Leben. Von 27 Kämpfen hat sie keinen verloren, achtzehnmal siegte sie durch K.o. Sie hält vier verschiedene Weltmeistertitel. Zu ihrem großen Bedauern kann sie ihren durchtrainierten Körper dem Publikum jedoch nur selten präsentieren: Nur wenige Frauen in der Welt boxen, und noch weniger sind bereit, mit Lucia in den Ring zu steigen. Nach einem Auftritt in Hamburg steht in diesem Jahr nur noch ein Kampf in Las Vegas auf dem Programm.

Lucia Rijker, eine martialische Kämpferin? Begegnet man ihr außerhalb des Rings, dann wirkt sie fast zierlich. Eine eher schmale Person in grasgrünem Blazer, tief dekolletiertem Body und hautengen Leggins. Auf der braunen Haut glänzt eine breite Goldkette, an den Ohren funkeln runde Clips. Die schwarzen Haare sind zentimeterkurz geschnitten. Um die braunen Augen ist sie sorgfältig geschminkt. Die kleinen Narben über den Brauen sieht man erst auf den zweiten Blick.

Sie spricht leise und konzentriert, ihre Hände bewegen sich kaum. Ohne die schweren Boxhandschuhe sehen sie klein und hilflos aus. Ab und zu nippt sie, an einem Glas Mineralwasser. Alkohol und Zigaretten rührt sie nicht an. Wer so hart boxt wie sie, müsse seinen Körper pflegen. Und dennoch, vier bis sechs Wochen benötige sie, um sich nach einem Kampf zu erholen.

Warum diese Qual? Sie stört sich an dem Wort: „Wenn du im Ring stehst, ist da sofort die Konfrontation. Du hast Angst und mußt zeigen, was du kannst. Du lernst deine Grenzen kennen und den Schmerz.“ Einmal kämpfte sie sechs Runden mit einem gebrochenen Jochbein. Sie konnte die Gegnerin nur noch schemenhaft erkennen, aber das Duell der Fäuste und Füße gewann sie trotzdem. „Das war ein ganz neues Gefühl für mich.“ Sie hatte auch ihren eigenen Körper besiegt. Mit Masochismus habe das nichts zu tun.

Thai- und Kickboxen gehören zu den härtesten Kampfsportarten. Je nachdem, nach welchen Regeln gekämpft wird, darf der Gegner beim Thaiboxen sogar mit Knie und Ellenbogen niedergeschlagen werden. In Deutschland wird auf diese besondere Raffinesse verzichtet. Der Körper ist ungeschützt; nur die Zähne sind unter einem Plastikgebiß verborgen. Lucia Rijker trägt nicht einmal die für Frauen vorgesehene Brustbinde. „Das stört mich.“