Nach zwei von achtzehn Stunden in der Tristar der Royal Air Force kamen wir ins Gespräch. Sie war Ende Zwanzig. Das Haar kurz und etwas struppig. Ein derber weißer Wollpullover. Jeans. Rucksack. Aus ihren Walkman-Kopfhörern wehten die lauteren Passagen aus Opernarien zu mir herüber.

Weiß sie es, fragte ich mich. Weiß sie, daß rund fünfzig Frauen im heiratsfähigen Alter fehlen auf den Falklands? Sie brachte die heimlichen Spekulationen jäh zu Ende mit der Bemerkung, sie gehe für zwei Monate als Zahn-Hygienistin nach Stanley. Schlagender konnte der Beweis nicht sein, daß die Falklandinseln zu Geld gekommen sind – eine Zahn-Hygienistin im Südatlantik!

Ich dachte wieder an sie, als David Dunford mit seinem blonden Lockenkopf am Ende eines langen Gesprächs bekannte, daß er gegen eine Frau nichts einzuwenden hätte. David ist vierzig. Alle paar Tage taucht er aus der Einsamkeit seiner Schaffarm auf den Westfalklands im winzigen Chartres auf und holt seine Post ab. Briefe von der Mutter etwa. Und zuweilen die Lokalzeitung aus Portsmouth, das der gelernte Koch 1968 verlassen hatte, um auf den Falklands als Schäfer jene Tiere zu hüten, denen er zuvor nur in Gestalt von Lammkoteletts mit mint sauce begegnet war.

Ja, Dave hätte nichts gegen eine Frau. Er hat schon ans Annoncieren gedacht. Das klänge dann etwa so: „Sonnen- und windgegerbter Farmer; 25 000 Morgen; 6000 Schafe; keine Menschenseele im Umkreis von 60 Minuten; kaum gesellschaftliches Leben; kann kochen; kein Abstinenzler; Hundefreund, Sucht: weibliches Wesen. Muß Natur, Einsamkeit und Schafe mögen. Künftige Schwiegermutter 12 000 Kilometer entfernt. Nur ernstgemeinte Zuschriften. P. S.: Keine Anfragen aus Argentinien.“

Dave kennt Argentinien, seit er 1982 dort war. Damals bestand zwischen Großbritannien und Argentinien ein Kooperationsabkommen, aufgrund dessen unter anderem der Flugverkehr zwischen den Falkland Islands und der Außenwelt über Buenos Aires abgewickelt wurde; auch wurden Insulaner im Bedarfsfall in argentinischen Krankenhäusern behandelt. Einer von ihnen war Anfang 82 David Dunford mit einem komplizierten Beinbruch. Trotz eingeschränkter Bewegungsfreiheit bekam er in Buenos Aires Wind davon, daß Junta-Chef General Galtieri die Invasion der Falklands plante, die Argentinien unter der Bezeichnung Malvinas seit langem für sich beanspruchte.

Damit wußte Dave mehr als die Außenpolitiker und Militärs in Londons Whitehall, die insgeheim noch immer Überlegungen anstellten, wie man die ungeliebte Kolonie mit ihren 2000 Union-Jack-Getreuen auf diskrete Weise abnabeln könne, ohne gegen das den Falklandbewohnern zugesicherte Selbstbestimmungsrecht zu verstoßen. Die Falklands – ein kolonialer Klotz an Londons Bein, 2000 britischstämmige Starrköpfe am Rockzipfel der Königin. Als sich Anfang April David Dunfords Informationen bestätigten und die argentinischen Invasionstruppen in Marsch gesetzt wurden, sah sich London gezwungen, militärisch zurückzuholen, was es politisch wohl gern abgeschrieben hätte.

Noch während der argentinischen Besatzung kehrte der humpelnde Dave auf die Falklands zurück, mit wachsender Begeisterung für eine ferne ältere Dame: Margaret Thatcher, die von 10, Downing Street aus die größte britische Militäroperation seit dem Zweiten Weltkrieg politisch dirigierte. In Stanley haben sie rechtzeitig zum 10. Jahrestag der Befreiung am 14. Juni neue Straßenschilder aufgestellt. Eines davon: „Thatcher Drive“. Natürlich fliegt Mrs. Th. zum 14. Juni auf die Falklands, den wohl einzigen Teil des Königreichs, in dem die Verehrung für die alteiserne Lady ungebrochen ist.