Die Privaten kommen. Sie wollen ein besseres Krankenhaus präsentieren und dabei Geld verdienen. Ihr Angriffsziel: die verkrusteten Strukturen der zentralen Verwaltungen und das Tarifkorsett des öffentlichen Dienstes. Drei Beispiele:

„Praxisklinik“ heißt das Konzept, das einen Krankenhausaufenthalt zum Abstecher in ein Luxushotel machen soll. Zwölf Jahre plante der Orthopäde Gerd Schwiedernoch an seinem medizinischen „Dienstleistungszentrum“. Nun steht es da, gleich an der Fußgängerzone im Herzen Heidelbergs, in warmem Braun, Nirosta und Glas, sechs Geschosse hoch und drei Garagen tief, mit einem Notstromaggregat, stark genug, die ganz Stadt zu erleuchten. „Die Zeit, in der Krankenhäuser wie Krüppelheime an den Stadtrand verbannt wurden, ist vorbei“, argumentiert Schwiedernoch für die Zentrumslage. „Erkrankung ist ein Teil unseres Lebens.“ Und das soll urban sein und komfortveredelt.

Gläserne Fahrstühle ziehen die Patienten zu Arztpraxen hinauf, über dem Atrium fangen computergesteuerte Spiegel das Tageslicht ein und schicken es durch Prismen und ganze Geschwader gläserner Untertassen hinunter zu Modeboutique, Optikergeschäft und Apotheke. Marmorstufen leiten den Besucher in Bar und Restaurant.

Fünfundzwanzig Ärzte haben sich in neun Fachpraxen der Atos-Praxisklinik eingemietet. Jedes Team ist jung und hoch gerüstet. Zum Beispiel die drei von der Radiologie. In einem kleinen Raumfahrtzentrum schiebt wieselflinkes Bodenpersonal Patienten in wuchtige Astronautenkapseln. Auf Computerbildschirmen erscheint, säuberlich zerlegt, der gläserne Mensch. Zehn Millionen Mark hat der Maschinenpark gekostet. Technologische Überlegenheit, vor der sogar die Universität kapituliert.

Fünf hochmoderne Operationssäle sind einsatzbereit. Glanz in Glas und Messing, Ästhetik bis ins Detail geben auch den dreißig Belegzimmern in den lichten Dachetagen Viersterneambiente. Die Genesenden speisen unter kunstvoll restaurierten Decken einer baulich integrierten Jugendstilvilla, selbstverständlich à la carte. „Angenehme Atmosphäre“, sagt Direktor Schwiedernoch, „stimuliert das Immunsystem.“

Marlene Langendörfer aus Mannheim, gerade an den Venen operiert, fühlt sich wie im Urlaub. Ihr Mann kommt zum gemeinsamen Frühstück vorbei. Zwei bis drei Nächte aber wird sie nur bleiben. „Dafür“, sagt die Kassenpatientin, „bin ich gern bereit zu zahlen.“ Das wird ihr nicht erspart bleiben. Denn vergeblich kämpft Schwiedernoch um die Zulassung von den Orts- und Ersatzkassen. So sind vorerst viele Betten leer, locken happy hours, Musiker und ein Fernsehkoch Kunden ins Foyer. Nur die Tiefgarage läuft von selbst.

Bei 425 Mark pro Nacht plus Operationskosten, so Schwiedernochs Spar-Argument, kämen drei Tage Luxus günstiger als zehn Tage Liegezeit in einem öffentlichen Krankenhaus.