RERIK. – „Das Schnittmuster ist immer das gleiche. Sie kommen rein, wollen helfen und Arbeitsplätze schaffen“, sagt Eckhard Nagel, Bürgermeister des Ostseebades Rerik. „Von Investoren, die sich eine Monopolstellung schaffen wollen, habe ich genug“, schimpft er. Denn wenn man genau hinsehe, erweise sich manch Großinvestor als unsolide, das Gerede vom Helfen nur als warme Luft. Die 2100-Einwohner-Stadt an der mecklenburgischen Küste will die touristische Zukunft selbst in die Hand nehmen: Sie setzt auf öffentliche Fördergelder und mittelständische Investoren statt aufs große Kapital.

Rerik mit seiner imposanten Backsteinkirche, den geduckten Häusern und dem Naturstrand unterhalb der Steilküste möchte weder Sylt noch Timmendorf nacheifern. Ein ruhiges Familienbad wollen die Stadtväter aus dem Ort machen, der auf halber Strecke zwischen Wismar und Warnemünde liegt.

Ein Damm verbindet Rerik mit der Insel Wustrow, die noch von den Streitkräften der GUS besetzt ist. Die Touristen an der neuen Seebrücke bestaunen das nahe Tor, auf dem ein roter Stern prangt.

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg war die rund hundert Hektar große Insel in der Hand der Militärs. Die Luftwaffe nahm sie 1933 als Übungsplatz in Beschlag, machte sie zum Standort der Flakartillerieschule. Die GUS-Truppen werden Ende 1994 abziehen, auf einem Teil der Insel heruntergekommene Kasernen und verschmutzten Boden hinterlassen. Doch wie andere Sperrgebiete auch bietet Wustrow ein Stück unzerstörter Natur – ein Pfand im harten Wettbewerb der Ostseebäder. Das sahen auch zahlreiche Investoren so, die vielen Gemeinden an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns Arbeitsplätze und viel Geld durch Golfplätze, Yachthäfen und „Erlebnis-Center“ versprachen.

In Rerik war im vergangenen Sommer der Schweizer Unternehmer Bleiker groß im Rennen. Die Wogen schlugen hoch, als dessen Unterhändler den Bürgern im örtlichen Kurhaus zeigten, was die Zukunft bringen könnte. Im Salzhaff sollte eine Super-Marina mit tausend Liegeplätzen und schwimmenden Wohninseln entstehen, im Hinterland ein Golfplatz und komfortable Wohnungen. Im Süden des Haffs sollte als Hafenrandbegrenzung ein Damm aufgeschüttet werden. Bürgermeister Nagel hätte damals gerne unterschrieben. Doch der Protest vieler Einheimischer war groß. Sie befürchteten den Ausverkauf der Insel. Die Stadt gab Bleiker einen Korb. Heute ist Nagel froh: „Wir waren ja unerfahren, dachten, wir können was verpassen. Aber wir hätten die Insel Wustrow aus der Hand gegeben.“

Wolfgang Gulbis, Zweiter Bürgermeister und wie Nagel SPD-Mitglied, soll dafür sorgen, daß Rerik nicht in die Hände von Spekulanten fällt. „Wenn hier ein Investor 500 Millionen reinsteckt, sind wir ihm ausgeliefert. Dann kann die Verwaltung schließen; die Bürger können nach Hause gehen“, sagt der 33jährige. Gulbis ist extra dafür abgestellt, mit der Treuhand zu verhandeln, Eigentumsfragen zu klären und Fördergelder anzuzapfen. Mittlerweile kennt er sich im Richtliniendschungel aus, weiß, wieviel Geld in welchem öffentlichen Topf liegt. Fünfzigmal war er schon in Schlips und Anzug bei der Treuhand in Berlin, jede zweite Woche in den Schweriner Ministerien. In Rerik trägt der gelernte Schiffbauingenieur Turnschuhe und Jeans.

Sein Rezept: Hartnäckigkeit und Ausdauer. „Die müssen so genervt sein, daß sie einen nicht mehr sehen können, dann fließt das Geld“, sagt er. Umtriebig schnürt er Pakete aus Fördermitteln – aus diesem Ministerium und aus jenem. Nur die Zusammenarbeit mit dem CDU-geführten Innenministerium in Schwerin lasse zu wünschen übrig. „Denen sind wir wohl zu rot“, vermutet Gulbis. Die SPD hat in Rerik die absolute Mehrheit. Wieviel „Gulbis-Gelder“ bislang nach Rerik flossen, will er nicht ausplaudern – wegen der Konkurrenz. Doch der Vermögenshaushalt ist dreimal so groß wie der Verwaltungshaushalt“, verrät er.