Von Fritz Vorholz und Christian Wernicke

Einem stand die Enttäuschung schon zu Beginn der größten aller Konferenzen ins Gesicht geschrieben: Bikenbau Paeniu, dem Premierminister von Tuvalu. Tuvalu, das sind neun kleine Inseln im Pazifik, die nur wenige Zentimeter aus dem Ozean herausragen – noch. Nun fürchten die 10 000 Insulaner um ihr Überleben. „Wenn der Meeresspiegel steigt“, sagt der Premierminister mit unbewegter Miene, „dann gibt es kein Land mehr für uns.“ Doch seine Hoffnung, daß die Staatsmänner und die Hundertschaften von Umwelt-Diplomaten bei der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung (Unced) in Rio de Janeiro dem bedrohten Völkchen beistehen, wird sich nicht erfüllen. Tuvalu wird untergehen, falls die Voraussagen über die Auswirkungen des Treibhauseffektes zutreffen.

Nicht wütend, wohl aber resigniert sagt der Premier: „Ich weiß noch nicht, ob ich die Klimakonvention wirklich unterschreiben soll.“ Doch verbessern läßt sich an dem 29seitigen Vertragswerk nichts mehr. Nach monatelangem Pokern in den Vorbereitungskonferenzen verwässert, liegt es nun zur Unterzeichnung aus – eine vage Absichtserklärung ohne Zeitplan für die Stabilisierung oder gar Verminderung des Ausstoßes von Treibhausgasen. Mehr ließ sich gegen den Widerstand der Vereinigten Staaten nicht durchsetzen.

Ungerührt von den Kompromissen auf dem „Erdgipfel“ von Rio, setzen 5,4 Milliarden Menschen den Raubbau am Planeten Erde fort. Binnen eines Konferenztages wächst die Weltbevölkerung um 250 000 Menschen; 140 Pflanzen- und Tierarten werden ausgerottet; die Zahl der Autos steigt um 140 000; der Inhalt von 12 000 Fässern Rohöl fließt ins Meer. Und 55 000 Menschen verhungern.

Verschwendung im Norden und Elend im Süden werden bleiben, wenn sich am kommenden Sonntag die Pforten des „Rio Centro“ schließen. Armut und Frevel an der Natur können nicht per Beschluß oder Vertrag aus der Welt geschafft werden, schon gar nicht im Jahr 1992: Die reichen Länder kämpfen mit Wirtschaftsproblemen und fühlten sich lange nicht mehr so arm wie heute. Dennoch glauben die Entwicklungsländer, mit dem Umweltschutz ein Pfand zu haben, das sie gegen bare Münze eintauschen können.

Trotz dieses Antagonismus ist der Erdgipfel nicht zum Scheitern verurteilt. So vage, so zweideutig, so ungenügend die Erklärungen von Rio auch ausfallen werden – das Umdenken hat begonnen. Das Schlüsselwort dafür, daß der Planet auch für künftige Generationen bewohnbar bleibt, klingt noch etwas hölzern: Sustainable development, nachhaltige Entwicklung, so umschreiben Experten das globale Ziel.

Geronnen sind die Konzepte und Strategien in einen fast unüberschaubaren Stapel von Papieren: einer Rio-Deklaration, der Klimakonvention, einer Konvention über den Schutz wildlebender Pflanzen und Tiere und ihrer Lebensräume, einer Erklärung über Waldprinzipien, in der die Grundlagen für eine Waldkonvention gelegt werden sollen, und in einem Aktionsprogramm. An hehren Absichtserklärungen fehlt es in Rio nicht. Doch im Konferenzalltag wird mit allen Mitteln gerungen: um Souveränitätsrechte und um das liebe Geld.