Kein abgeschnittenes Ohr, keine Totenvögel auf dem Kornfeld. Kein Künstler, der Genie und Wahnsinn mit Ausdruck plausibel macht. Dieser Film kommt ohne den Zwang zum Mythos aus, nicht weil er das biographische Rätsel entzaubert, sondern weil er es als selbstverständlich annimmt.

Maurice Pialat, der wenig Filme dreht, die doch alle im Gedächtnis haften, übte früher die Heftigkeit. Seine Figuren borden über jeden sozialen Rand, sind unberechenbar und passioniert für unstillbare Wunden. Sie scheinen realistisch, dem Leben entsprungen, und sind doch kunstvoll umrissene, Silhouetten. „Loulou“ mit Gérard Depardieu und Isabelle Huppert war ein Beispiel, „Van Gogh“ ist ein anderes, bei dem das Werk des Regisseurs an das von Jean Renoir denken läßt. Die Menschen sind in Konstellationen gefangen, aber die Versuchsanordnung ist so offen angelegt, daß man mitten im Spiel plötzlich eine Ahnung vom Verhängnis hat: Alles ist möglich, und nichts können wir ändern.

Die Kunst spielt hier die geringste Rolle. Kein besessenes Spachteln, keine Vision vom Ringen mit der Zeit. Im Gegenteil, die Kunst ist ein gewohnlicher Beruf, und manchmal ist sie ein Fest. Van Gogh steigt aus dem Zug in Auvers-sur-Oise. Er findet Quartier im gutbürgerlichen Hause des Arztes und Sammlers Dr. Gachet. Nach zwei erfüllten Sommermonaten reist er in den Freitod ab. Weder die Liebe seines Bruders Theo noch die einer jungen Frau halten ihn zurück. Doch bevor er geht, erfahren wir: Dieser Mensch, der nicht tobte, sondern gefaßt in sein Inneres exilierte, hing an den Menschen, die er verließ.

Nur eben nicht fest genug. Diese Balance zu zeigen, ohne sie auf dem Seil vorzuführen, ist das Kunststück, das der Schauspieler, Poet und Sänger Jacques Dutronc hier leistet. Er ist ein ganz Gegenwärtiger und stiehlt sich beiläufig an den Rand. Seine Unerbittlichkeit ist ein Malprogramm, kein kategorischer Imperativ. Die Wonnen der Gewöhnlichkeit durchfließen auch diesen Menschen, der zunächst als ewiger Ankömmling beargwöhnt, dann wie ein sonderbares, doch verträgliches Familienmitglied akzeptiert wird.

Besonders von Marguerite (Alexandra London), der schnippischen Tochter des Dr. Gachet. Aus dem Modell wird eine Gefährtin. Sie beginnt ihre Karriere als eingebildete Pute, legt dann den Putz des Bürgerlichen ab, um der Herausforderung des Fremden ebenbürtig zu werden. Als alles vorbei ist, der Todeskampf ausgestanden, das Leben sich in Peinlichkeit zerläuft, da geht Marguerite ins Freie. Schon wird sie von jungen Malern aus Paris eifrig nach dem Mythos des Malers befragt. Sie rollt nur den schwarzen Schleier auf und verkündet, die Affäre abschließend: „Ich war seine Freundin.“ Wie diese Unbedingtheit sich aus der Bedingtheit frei entfaltet, das ist ein schönes Schauspiel.

Der Film könnte mit gewissem Recht auch die Titel „Eine Landpartie“ oder „Das Haus des Dr. Gachet“ tragen. Denn Pialat filmt die Verflechtung der Augen des Malers in die Landschaft und die seiner Sinne in das Haus. Das Sonntagsessen ist ein Fest der Heiterkeit, der Bordellausflug ein anderes. Der historische Hintergrund verflogener Hoffnungen spielt nicht herein, er steht unerwartet nah im Vordergrund. Der Tod der Pariser Kommunarden wird beklagt: In einem melancholischen Exzeß, der an Andrzej Wajdas beste Filme erinnert.

Narrenspiele, Streifzüge, Flanieren am Fluß, flüchtige Umarmungen. Was der Film festhält, läßt er auch wieder los, aufgelöst in flirrende Reflexe. Statt eines eindeutigen Zugriffs eine leichte Berührung, statt einer Konfrontation eine anerkennende Verneigung vor der Differenz: Darin liegt das Menschenfreundliche dieses Films. Nach Vincente Mineiiis Farborgie mit „Lust for Life“ (mit Kirk Douglas als Van Gogh, 1956), Robert Altmans Bruderdrama „Vincent and Theo“ (1988) und Akiro Kurosawas Altersvision des berühmten Krähenbildes in „Dreams“ (1989) gelingt es „Van Gogh“, jene vorgefaßten Bilder zu löschen und die Leinwand neu zu grundieren. Hier wird ein Mensch vorgestellt, der Maler war, und kein Maler, der kein Mensch sein durfte.

Karsten Witte