Von Peter Reichel

Was in Auschwitz geschah und in den anderen NS-Vernichtungslagern, ist seit Jahrzehnten Thema von strafrechtlicher Ermittlung und Zeitgeschichtsforschung, Zeugenbefragung und Dokumentation durch Gedenkstätten und Archive. Wohl keine zweite Periode der neueren Geschichte ist so gut erforscht und auch so intensiv mit künstlerischen Mitteln bearbeitet worden. Um so erstaunlicher, daß die Frage nach dem Wie des Erinnerns bisher kaum bearbeitet worden ist.

Einen ersten Versuch, zumindest einige Felder des ästhetischen Diskurses über den Holocaust zu analysieren, hat jetzt der amerikanische Historiker James E. Young vorgelegt. Die von ihm herangezogenen literarischen, filmischen und architektonischen Beispiele sind zahlreich und vielfältig. Sie reichen von den Tagebüchern und Memoiren der Opfer, Romanen, Erzählungen, Theaterstücken und Filmen über den Holocaust bis hin zu Mahnmalen und KZ-Gedenkstätten. Dabei läßt Young sich von der Einsicht leiten, daß die extreme Realität der NS-Gewaltverbrechen in unseren Sprachen nicht darstellbar ist, daß Auschwitz zum schwarzen Fixpunkt einer Epoche wurde, der „uns nur Mythen und Schatten“ (Saul Friedländer) liefert, aber keine Informationen, die wir zu verständlichen Realitätsbildern zusammensetzen könnten.

Nicht einmal den Tagebuch- und Memoirenschreibern des Ghettos wie Czerniakow, Kaplan, Kruk, Kalmanowitsch und Ringelblum konnte es gelingen, „mit ihren Worten die Realien ihrer Erfahrungen in der Zeit lebendig (zu) erhalten“, denn – so Young – nur für den Schreiber ist „die Verbindung von Worten und Ereignissen ganz buchstäblich selbstverständlich“. Für die späteren Leser gilt das so nicht mehr. Deshalb sind diese Texte natürlich nicht bedeutungslos. Man muß sie nur zu lesen verstehen. Denn so authentisch und realistisch die Augenzeugenberichte auch erscheinen, die Wahrnehmungen der Häftlinge waren und wurden vielfältig beeinflußt. Sei es durch die Art und Weise, wie die Nazis die KZ-Wirklichkeit inszenierten, sei es durch die Metaphern und Mythen, in denen die Schreiber dachten und lebten und aus denen sie ihre alltägliche Lebenskraft schöpften. Ihre Aufzeichnungen sind insofern immer auch Sinngebung im Sinnlosen, Deutung des ganz und gar Unverständlichen. So schreibt Chaim Kaplan von den „danteschen Szenen in den Straßen Warschaus“. Und die Auswahl seiner Eintragungen folgt der „traditionellen Dialektik von Zerstörung und Errettung“, was natürlich nicht heißt, daß in der sich zuspitzenden Katastrophe auch das Rettende gewachsen wäre. Treffend resümiert Young, daß die Authentizität der Wahrheit in den Tagebüchern und Erinnerungen denn auch nicht in ihrer vermeintlich objektiven Faktizität liege, sondern in der subjektiven Deutung der Ereignisse.

Das Problem der Ambiguität zwischen Faktischem und Fiktionalem taucht in einer anderen literarischen Form erneut auf: im dokumentarischen Roman und im dokumentarischen Drama. Weil es nun insbesondere auch dem fiktionalen Diskurs darauf ankommen muß, seinen Zeugnissen Eindringlichkeit und Glaubwürdigkeit zu verleihen, müssen die Grenzen und vermeintlich eindeutigen Unterscheidungsmerkmale verschwimmen: Bald wird das Faktische zur Fiktion, bald erscheint das Fiktive als Faktum.

Young verdeutlicht das am Beispiel von Peter Weiss’ „Die Ermittlung“. Für ihn eines der „raffiniertesten Beispiele“ dieses Genres, weil es die Objektivität des Dargestellten betont und zugleich die Subjektivität der Intention und Deutung des Autors. Daß Weiss durchgängig mit der „Illusion von Faktizität“ dokumentarische Autorität herzustellen versucht, zeigt sich an mehreren inszenatorischen Details: am Gerichtssaal mit seiner ihm eigenen Aura der Glaubwürdigkeit durch Prozeßordnung und Beweisaufnahme, an der Verwendung von Gerichtsprotokollen oder von Photos der tatsächlichen Angeklagten.

Weiss selbst teilte seinerzeit im Programmheft den Zuschauern mit, er habe mit den Fakten von Auschwitz, richtiger: des Auschwitz-Prozesses – den „Kapitalismus brandmarken wollen“ und zu diesem Zweck ein „Dokumentarstück“ geschrieben. Tatsächlich benutzt er auch dokumentarische Beweismittel, aber eben nicht um das Geschehen von Auschwitz zu rekonstruieren, sondern um die Schlüssigkeit seines eigenen marxistischen Erklärungsmodells zu beweisen. Danach sind nämlich die Juden, die bei ihm stets nur „Verfolgte“ heißen, nicht etwa Opfer der Radikalisierung des Antisemitismus, sondern „des wildgewordenen Monopolkapitalismus“ (Young). Indem Weiss aber die Vielzahl von möglichen Erklärungsansätzen auf einen einzigen reduziert, ohne dessen ideologische Prämissen darzulegen, „naturalisiert er die tatsächliche ideologische Funktion seines Stückes, indem er sie scheinbar neutralisiert“.