Von Stefan Nink

Seit über dreißig Jahren sitzt sie hier, jeden Tag, mit dem Rücken zum Fenster und zwei Tische neben jenem Platz, an dem 1953 Dylan Thomas in sich zusammensackte, nach dem wer weiß wie vielten Whisky und dem wer weiß wie vielten "Irish Rover" aus der Wurlitzer-Musikbox, die immer noch ihren Dienst tut. Noch auf dem Weg ins nahe St.-Vincent-Hospital hat der große walisische Dichter sein letztes Stück Leben herausgehustet und ist gestorben, an zerbrochener Seele und zersoffener Leber. Eine kleine Metalltafel über seinem Stammplatz erinnert an ihn, und Sunny beobachtet jeden Tag, wie enttäuscht die Touristen sind, wenn schon jemand auf Dylan Thomas’ Stuhl in der "White Horse Tavern" sitzt. Dann lächelt sie, tunkt ihr Sandwich in den Kaffee und blickt gedankenverloren zu einem imaginären Punkt an der gegenüberliegenden Wand, an der vergilbte Plakate an die Village-Premiere seines Stückes "Unter dem Milchwald" erinnern. Den anderen Dylan, Bob, hat Sunny auch vor zwanzig Jahren kennengelernt, als er öfter hier vorbeischaute. Damals war Bob noch ein Idol – nicht nur im Village, wo er tagelang in den Kneipen herumhockte und Menschen betrachtete.

Aber damals war sowieso noch alles anders in der Stadt, die "anders" ist – was jedenfalls jeder Reiseführer von New York behauptet –, und im Village war sowieso alles ganz anders: ein paar Hektar überseeisches Europa, ein Tummelplatz für Weltverbesserer, Künstler und solche, die es zu sein vorgaben, ein noch nicht heruntergekommenes Gegenstück zu Schwabing und Montmartre. Wenn in New York alles möglich ist, dann war im Village noch ein bißchen mehr möglich.

Als das Dorf Greenwich 1696 gegründet wurde, lag es weit außerhalb der Stadt: ein Flecken Wildnis, den die Algonquin-Indianer "Sapokanican" nannten. Wouter von Twiller, einer der frühen holländischen Gouverneure, war der erste Weiße, der sich dort, wo heute die Charlton Street verläuft, ein Haus baute. Seine politischen Gegner jenseits der Wall Street (die Bezeichnung leitet sich von jenem Schutzwall ab, den die New Yorker aus Angst vor Indianerüberfällen errichtet hatten) sollen damals Wetten abgeschlossen haben, wie lange es von Twiller aushalten würde, ohne mit einem Pfeil im Rücken aufgefunden zu werden. Ein paar friedliche Jahre später kamen viele von ihnen regelmäßig in ihre Landhäuser in Greenwich.

Das "grüne Dorf" wuchs. Während der zahlreichen Pocken-, Cholera- und Gelbfieberepidemien flüchteten regelmäßig große Teile der Stadtbevölkerung hierhin, und 1822 nahm man die Post, die Zollbehörde und einige Geldinstitute gleich mit. Als 1811 das gitterförmige Straßennetz für Manhattan beschlossen wurde, war der ehemalige Flecken Greenwich schon zu einer kleinen Stadt geworden, die von schmalen, verwinkelten Gassen durchzogen wurde: Würde man heute nach einer durchzechten Nacht in einer gewundenen Straße in New York wach – man wüßte, wo man ist. "Die Straßen sind verrückt geworden", schrieb O’ Henry, einer der vielen Viertel-Literaten, die es zu Weltruhm gebracht haben, über die Wege im Village, "und jede Straße kreuzt sich selbst ein oder zweimal".

Einer der wenigen Plätze zwischen der 14th Street im Norden, dem Broadway im Osten, der Spring Street im Süden und dem Hudson im Westen (das sind die vier Grenzlinien des Viertels) ist der Washington Square, ein ehemaliges potter’s field, ein Armenfriedhof. Ab 1789 stand hier der städtische Galgen, später hielt man Paraden auf dem Platz ab, und Henry James schrieb in seinem nach dem Platz benannten Buch, daß vom Washington Square ein "ausgereifter, reicher ehrenwerter Eindruck" ausginge – auch wenn zu seiner Zeit die Pferde auf den vermoderten Knochen von Hunderttausenden Gelbfieberopfern und 26 gehängten Galgenvögeln tänzelten.

Heute hält die U-Bahn am Washington Square, und abends steigen alle paar Minuten Nachtschwärmer und Jazzfreunde aus dem Untergrund herauf, um das Nachtleben im Village zu erleben. Das Angebot ist überwältigend: Dicht nebeneinander liegen hier so legendäre Jazzclubs wie das "Blue Note" (131 West 3rd Street) oder das stets verrauchte "Village Vanguard" (178, 7th Avenue South), wo noch immer lebende Legenden wie Ella Fitzgerald oder Joe Williams auftreten. Um die Ecke, in der MacDougal Street 133, steht das Provincetown Playhouse, in dem ein halbes Dutzend Stücke von Eugene O’Neill uraufgeführt wurden. Zur Zeit geschlossen ist das Cherry Lane Theater in der Commerce Street, in dem Samuel Becketts "Warten auf Godot" und "Endspiel" zum ersten Mal gezeigt wurden und dem Woody Allen in "Another Woman" ein Zelluloid-Denkmal gesetzt hat.