Von Theo Sommer

I.

War der Traum von Europas Einheit nur das Produkt des Kalten Krieges – und ist er mit dem Ende des Ost-West-Konflikts verflogen wie ein widernatürlicher Wahn? Signalisiert das dänische Nein zu dem Vertrag von Maastricht den unaufhaltsamen Rückfall der westeuropäischen Völker in den Urzustand eines eigenbrötlerischen Nationalismus?

Diesseits wie jenseits des Atlantiks verbreiten manche Politiker und Publizisten schwarzmalerisch diese Lesart. Sie ist zum einen unhistorisch. Zum anderen geht sie an der eigentlichen Botschaft des Dänen-Referendums vorbei.

Die Europa-Idee ist älter als der Kalte Krieg. Sie entstand in den blutigen Schlachten des Ersten Weltkriegs; Männer wie Graf Coudenhove-Kalergi, Aristide Briand, Gustav Stresemann verfochten sie in den zwanziger Jahren mit Verve. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab dann Winston Churchill dem Gedanken aufs neue Gestalt und Richtung. Im September 1946 forderte er in Zürich: "Wir müssen die europäische Familie in einer regionalen Struktur neu schaffen, die vielleicht die Vereinigten Staaten von Europa heißen wird."

Großbritanniens Platz sah Churchill zwar außerhalb dieser Struktur; die Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland aber betrachtete er als Voraussetzung für das "Wiederaufleben Europas". Robert Schuman, Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi – sie wurden in der Praxis die Paten dieses Prozesses; hinter ihnen stand Jean Monnet als unermüdlicher Impulsgeber.

Gewiß trieb die Heraufkunft des Kalten Krieges die frühen Integrationsbestrebungen voran. Das eigentliche Motiv der Europabewegung in jenen Jahren war jedoch ein anderes: Die Alte Welt wollte endlich heraus aus den düsteren Schatten ihrer Geschichte; heraus aus den Schützengräben; heraus aus der nationalen, nationalistischen Eigensucht von ehedem. Die europäische Idee war nicht in erster Linie ein Instrument zur Abwehr des expansiven Kommunismus; vielmehr verhieß sie den Europäern jenseits der Gräben und Gräber einen Horizont der Hoffnung. Sie brauchen ihn auch heute noch, ja: erst recht, seitdem Osteuropa die Fesseln der sowjetischen Vorherrschaft und der marxistischen Diktatur abgestreift hat.