Ich stehe zwischen Männern, die mir unbekannt sind, in einem alten Fahrstuhl mit während des Aufstiegs klapperndem Metallgestänge. Ich bin gekleidet wie ein Angestellter oder wie ein Arbeiter am Feiertag. Ich habe mir sogar einen Schlips umgebunden, der Kragen scheuert am Hals, ich schwitze. Ich habe einen Termin beim Chef, sein Büro ist in der vierten Etage, oder war es die zwanzigste, kaum denke ich darüber nach, schon bin ich nicht mehr sicher."

Hier spricht nicht Franz Kafka (zu dessen Lebzeiten Fahrstühle ihren Höhenflug begannen), sondern Heiner Müller. Der Ruf des Vorgesetzten hat den Erzähler im Kellergeschoß ereilt. Schon hat er den achten Stock hinter sich gelassen. Er erkennt: "Ich bin zu weit gefahren oder ich habe mehr als die Hälfte der Strecke noch vor mir. Mit einem Grauen, das in meine Haarwurzeln greift, sehe ich auf meiner Uhr, von der ich den Blick jetzt nicht mehr losreißen kann, die Zeiger mit zunehmender Geschwindigkeit das Zifferblatt umkreisen, so daß zwischen Lidschlag und Lidschlag immer mehr Stunden vergehen. Mir wird klar, daß schon lange etwas nicht gestimmt hat: mit meiner Uhr, mit diesem Fahrstuhl, mit der Zeit."

Bevor wir das Ende jener Fahrt schildern, sei gesagt: Viele Menschen mißtrauen dem Lift. Abzustürzen fürchten die einen, steckenzubleiben die anderen. Statistiker können darüber nur lachen. Nach dem Gehen auf ebenem Boden ist Fahrstuhlfahren die sicherste Fortbewegungsart, noch vor dem Treppensteigen.

New York, 1854: Mr. Otis läßt das Trageseil seines Fahrstuhles kappen. Das Publikum erwartet die Zerschmetterung des Erfinders. Nichts da! Das straffe Seil hielt eine Feder am Korb gespannt; sie entspannt sich nun und verkeilt den Korb im Schacht. Großer Jubel! Seither muß niemand mehr abstürzen.

Dennoch hat die Entwicklung der Liftfahrt noch Hunderte von Toten gefordert. Zerstreute Passagiere stiegen in den damals noch türenlosen Schacht (und schlugen im Keller auf mit dumpfem Schlag); sie steckten den Kopf aus der türenlosen Kabine (und wurden geköpft). 1917 dokumentierte der Schweizer Arzt Moritz Ganzoni erschütternde Fälle – und appellierte an die Ingenieure, idiotensichere Aufzüge zu bauen.

Bald gab es Schachttüren, Kabinentüren, die völlige Abkapselung. Die Guillotine sei zur Gummizelle weiterentwickelt worden, spotten die Vertikalhistoriker Simmen und Drepper in ihrem Buch "Der Fahrstuhl". Aber so war es: Die Passagiere wurden eingesperrt, damit sie während der Reise keinen Unfug treiben können. Deshalb haben Liftunfälle heute eine andere Qualität: Das seelische Trauma ersetzt die Körperverletzung.

Bild berichtet von zwei hängengebliebenen Frauen aus Pforzheim: "Zuerst riefen wir zu zweit ‚Hallo‘, so etwa 200mal, dann schrien wir ‚Hilfe‘, mindestens 400mal." Ihre Rufe gellten durch die eisige Nacht; es hörte sie niemand. Zu ungezählten Kniebeugen gesellten sich Kaffeephantasien – nach zehn Stunden kam die Feuerwehr.

Ist Abstürzen der Unfall von gestern und Steckenbleiben der Unfall von heute – was ist dann der Unfall von morgen? Kehren wir tätärätä! zu Heiner Müller zurück. Wo steigt sein Angestellter aus, als der Fahrstuhl schließlich hält? Auf einer Dorfstraße in Peru! Eine kahle Ebene umgibt ihn, graues Gebüsch. Er sieht Baracken mit zerbrochenen Fenstern, Reklame für Produkte einer fremden Zivilisation und zwei riesige Einwohner, die ihm Angst machen: "Ich überlege, ob ich zurückgehen soll. Nie hätte ich gedacht, während meines verzweifelten Aufstiegs zum Chef, daß ich Heimweh nach dem Fahrstuhl empfinden könnte, der mein Gefängnis war." Ulrich Stock