Von Cornelia Uebel

Fremden ist der Zugang zur Werkstatt untersagt. Jüngst erst, berichtet der Erlbacher Geigenbauer Reinhard Bönsch, wurde bei einem Kollegen eingebrochen. Dreißig Kontrabässe mit einem Versicherungswert von 250 000 Mark nahmen die Einbrecher mit. Was die Täter betrifft, hat der bestohlene Meister einen bösen Verdacht. Vermutlich hatten die Gangster sich tagsüber noch als seriöse Handelsvertreter ausgegeben und so den Warenbestand an handgefertigten Instrumenten genau inspizieren können. Der Kollege Bönsch hat daraus eine Lehre gezogen.

Es war nicht die erste. Abgeschottet von der übrigen Welt, hatten die Meister im oberen Vogtland während der DDR-Ära keine andere Aufgabe, als in ihren Werkstätten zu sitzen und Musikinstrumente zu fertigen. Alles andere – Vertrieb, Kundenkontakte und Versand – wurde ihnen abgenommen. Dann kam die Wende, und mit der kontemplativen Beschaulichkeit in den alten Werkstätten war es vorbei. Plötzlich wollte und mußte jeder sich selber um Aufträge und Kunden kümmern. Doch die erste Freude über die neue Freiheit ist längst verflogen: „Viele Händler und Musiker wissen nicht einmal mehr, wo Markneukirchen liegt“, stellte Reinhard Bönsch bei seinem ersten Besuch der Frankfurter Musikmesse enttäuscht fest.

Das war einmal anders. Markneukirchen, Klingenthal und die umliegenden Dörfer im oberen Vogtland nahe der tschechischen Grenze hatten sich bis 1900 zur ersten Adresse für kunsthandwerklich gefertigte Musikinstrumente entwickelt. Begründet wurde der Ruhm von zwei Graslitzer Geigenbauern, die im Jahre 1652 der habsburgischen Gegenreformation in Böhmen entflohen waren und im protestantischen Kursachsen Zuflucht gefunden hatten. Anfang dieses Jahrhunderts gab es allein 300 selbständige Geigenbaumeister, die in ihren Werkstätten bis zu dreißig Lehrlinge und Gesellen beschäftigten. Dazu kamen Flötenbauer, Akkordeonbauer, Mandolinen- und Gitarrenbaumeister und Blechblasinstrumentenbauer sowie zahlreiche Zulieferbetriebe. Mit Ausnahme von Klavier und Harfe lieferten die im sogenannten Musikwinkel ansässigen Handwerker jedes Orchesterinstrument.

Wichtigstes Exportland für die vogtländischen Instrumentenbauer waren die Vereinigten Staaten. Da das Erlernen eines Musikinstrumentes damals für jedes amerikanische Schulkind obligatorisch war, verfügten die vogtländischen Musikinstrumentenhersteller dort über einen gigantischen Absatzmarkt. Es gab ein amerikanisches Konsulat am Ort, das einzig und allein mit der Abwicklung der Exportgeschäfte befaßt war. Die Konzentration von handwerklichem Know-how, basierend auf einer bis dahin fast 250jährigen Tradition, mündete in einer einzigartigen Stellung: Mit einem achtzigprozentigen Marktanteil besaßen die Vogtländer nahezu das Monopol auf dem Sektor des Musikinstrumentenbaus – und Markneukirchen, gemessen an der Zahl der Einwohner, in Deutschland die meisten Millionäre.

Doch die goldenen Zeiten sind schon lange vorbei. Der Ruhm ist verblaßt, und der Weltmarktanteil auf 1,5 Prozent geschrumpft. Wirtschaftliche Krisen hatte es zwar immer gegeben. In den dreißiger Jahren beispielsweise konnten sich viele Handwerker mangels Nachfrage auf dem Weltmarkt nur über Wasser halten, weil Hitlers Pimpfe mit Blechtrommeln ausgerüstet werden mußten.

Systematisch eingeleitet wurde der wirtschaftliche Niedergang der Region aber erst Ende der fünfziger Jahre – als die DDR begann, die selbständigen Meisterwerkstätten in Produktionsgenossenschaften, später dann in volkseigenen Betrieben (VEB) zusammenzufassen. Von den rund 500 ehemals selbständigen Werkstätten nach Kriegsende überlebten nur hundert die Kollektivierungsschübe – so auch der Einmannbetrieb des alten Edgar Knopf. Der Spezialist für Waldhörner hat sich sein Lebtag geweigert, in einem VEB zu arbeiten. „Da hätt’ ich mich lieber aufgehängt.“ Früher hat Edgar Knopf Waldhörner für DDR-Orchester und Meisterschüler gebaut. Heute kann er sich nur mit der Reparatur alter Instrumente über Wasser halten. Genau wie anderen Musikinstrumentenbauern fehlen auch ihm heute die alten Vertriebsstrukturen und vor allem persönliche Kontakte zu Musikern. Die Grossisten interessieren sich nicht für ihn. Die kaufen statt Einzelstücken lieben en gros ein. Vier Generationen lang haben die Knopfs Waldhörner gebaut – vom B-Horn bis zum Doppelhorn. Nun wird in drei Jahren gemeinsam mit Edgar Knopf auch die Firma Knopf in Rente gehen.