Von Hansjakob Stehle

Die Versuchung, es nicht wahrhaben zu wollen, weil es mißfällt, ist groß. Aber jenes Vaterland Europa, in dem der Nationalstaat "aufgehoben" – also bewahrt und überwunden – wäre, erweist sich immer mehr als bloßer Traum. Der Alptraum des Nationalismus schreckt die politischen Gemüter offenbar weniger stark, als die Verlockung einer historisch verbrämten, neuen patriotischen Gloriole sie reizt. Mit ihr lassen sich – zumal im postkommunistischen Osten – viele Komplexe kompensieren, soziale wie nationale.

Europa? Man kann darauf zuzusteuern versuchen, indem man – wie die Deutschen – den wiedervereinigten Nationalstaat von Mecklenburg bis Oberbayern mit allen Bremsklötzen seiner Probleme einbringt. Man kann diesem Europa zivil und sanft den Rücken kehren wie die Dänen; auf brutale Weise wie die Serben; oder aber so wie die Slowaken. Ihre Mehrheit hat jetzt bei den Parlamentswahlen für jene Parteien gestimmt, die eine möglichst schnelle Trennung von den Tschechen anstreben. Diese wiederum wählten Parteien und Politiker, die darüber gar nicht so unglücklich sind, weil sie hoffen, daß die tschechische Republik als die wirtschaftlich stärkere im Alleingang um so schneller "nach Europa" gelangen könnte.

Prag und Bratislava sind nicht Belgrad und Sarajevo, Die "Balkanisierung", die das Europa der schwierigen Vaterländer heimzusuchen droht, hat viele Gesichter. Ein menschliches Antlitz hatte der sozialistische "Frühling" im tschechischen Prag unter dem Slowaken Dubček – und noch die antikommunistische Revolution war "aus Samt" gewoben. Doch ganz hart trifft nun sogar hier die "Wende" zum Nationalen den demokratisch-ideellen Nerv aller Erneuerung.

Nicht von ungefähr hatte Václav Havel, der Poet auf dem Prager Präsidentenstuhl, noch am Vorabend der Wahl seine amtliche Unparteilichkeit aufs Spiel gesetzt und im Fernsehen "flehentlich" gebeten, nur für Politiker zu stimmen, die "das gerechte Zusammenleben von Tschechen und Slowaken" befürworten; nur so könne die Tschechoslowakei ein "solider Stein im europäischen Gebäude" werden.

Wider Erwarten gingen trotz verbreiteter Lustlosigkeit über achtzig Prozent der Wahlberechtigten an die Urnen. Sie widerstanden sogar der Versuchung, ihre Stimmen unter den 42 Parteien und Grüppchen heillos zu zersplittern. Mehr als erwartet stärkten sie die beiden Hauptfavoriten, die tschechische konservative Demokratische Bürgerpartei (ODS) des liberalen Wirtschaftsreformers Václav Klaus und die Bewegung für eine Demokratische Slowakei (HZDS) des linksliberal-nationalen Volkstribunen Vladimir Mečiar. Jeder gewann mehr als ein Drittel – genug, daß sich die beiden nun als Herren des politischen Spiels gebärden können, zuwenig jedoch, um aufzutrumpfen.

Klaus wie Mečiar sehen im Grunde klar, daß nun möglich wird, was jeder auf seine Weise will: Man wird sich, ohne einen Schuß Pulver zu verschwenden, auseinanderstreiten, zunächst wohl in einer Übergangs- (und Untergangs-)Regierung. Dann, nach einer Volksabstimmung, möglichst getrennt in beiden Republiken, wird man sich trennen. Selbst wenn aus der Scheidung noch eine Art von Wohngemeinschaft hervorgehen sollte, eine Tschechoslowakei als Vernunftehe wird es kaum mehr geben – allenfalls im Himmel, der Europa heißt, sagen Spötter.