ZDF, Sonntag, 14. Juni, 23.15 Uhr: "Wir leben von Traditionen" – der Dirigent Christoph von Dohnányi

Ungläubig und mit wachsender Begeisterung hab’ ich das Filmportrait des Dirigenten Christoph von Dohnänyi gesehen. "Wir leben von Traditionen", sagt er und lebt wirklich in einer Tradition, bezieht sich tatsächlich auf eine ungebrochene Kontinuität. Auf Vorfahren, vor denen er große Achtung hat. "Wir", sagt er. Wer ist gemeint? Sicherlich nicht die vielen Deutschen, die diese Kontinuität entweder tunlichst vergaßen oder sie bewußt und lautstark abstritten. Der "dunkle Fleck" in unserer Geschichte wirkt nach als ein Verlust jener Selbstachtung, die man von Vorfahren mitkriegt, die man respektieren kann. Die Eltern des Dirigenten sind da eine Ausnahme. Sie waren unter Hitler im Widerstand und haben mit dem Leben dafür bezahlt.

Als Kind hat Christoph von Dohnányi mit seinem Patenonkel Dietrich Bonhoeffer Schach gespielt, Bonhoeffer, der unter den Nazis nicht predigen durfte und zuletzt ebenfalls von ihnen ermordet wurde. Der habe, sagt der Dirigent, ihn nicht mit seiner Religion behelligt; er habe selbst in einer "Nachfolge" gelebt und darauf vertraut, daß nur ein gelebtes Beispiel zu solcher Nachfolge animieren kann. Ein Vorbild? Jemand, der mit dem Jungen Fußball spielte und Klavier und Go, und jemand, an dem man "nicht vorbei konnte". Eine Autorität? Man muß das Wort erklären, nachdem es so hartnäckig mit einer Neigung zu autoritärem Verhalten verwechselt worden ist. Eine Autorität, ist das jemand, der der Autor seines Lebens ist, also selbstbestimmt lebt? Der zum Beispiel nicht abtauchen wollte in den "dunklen Fleck", wie es die vielen taten: nolens volens, wie man so schön sagt? Sie, also wir, sind offenbar damit gestraft, so nolens yolens weiterzuleben, zu wollen und nicht zu wollen – die verbreitete halbherzige Lebensart, die graue Brühe, in der wir ersaufen nach dem "Triumph des Willens".

Christoph von Dohnányi ist eine Ausnahme, er kann es sich erlauben, unpopuläre Ansichten über Demokratie und Autorität zu äußern. Wer kann es außer ihm? Wer könnte es sich leisten, eine Demokratie zu beargwöhnen, in der sich alle Autorität auf ihr Minimum reduziert (auch im Bereich der Musik, wo es, so Dohnányi, zum Beispiel um eine Beethoven-Sonate geht, über die ja auch nie abgestimmt worden ist).

Wir sehen den Dirigenten beim Besuch im Sacrower Vaterhaus, das an der Berliner Havel steht. Vor seinen Augen ist hier seine Mutter abgeholt worden zu Zeiten des Nationalsozialismus. Zu Zeiten des Sozialismus wurde der Zugang zum Ufer hoch vermauert. Es ist noch alles am alten Platz und doch gründlich zerstört. Dohnänyi geht durch Haus und Garten wie ein Fremder. Er lebt in Amerika, wo er seit 1984 Chef des berühmten Cleveland Orchestra ist. Und er hat keine aktuellen Ambitionen, ins deutsche Vaterland zurückzukehren.

Wir sehen ihn am Orchesterpult, bei der Arbeit an Mahlers sechster Sinfonie – und sehen die humanisierende Wirkung der Beschäftigung mit einer Musik, die zu Recht "ernst" genannt wird. Musik, die etwas abfordert, wenn man sich von ihr ergreifen läßt, etwas, das man als inneres Wachstum bezeichnen könnte, wenn man sich damit – hier in Deutschland – nicht so ganz und gar lächerlich machte.

Martin Ahrends