Von Nina Grunenberg

Die Bergakademie Freiberg wurde 1765 gegründet und ist die älteste Technische Hochschule der Welt. Weil sie hinter dem Eisernen Vorhang, in Sachsen, lag, wurde sie im Westen von vielen vergessen. Aber die Bergakademie selber hat sich ein gutes Gedächtnis bewahrt. Mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde an Hans Leussink, den ehemaligen Bildungs- und Wissenschaftsminister aus der Brandt-Ära, feierte sie in der vergangenen Woche das glückliche Ende einer Geschichte, die 1935 begann.

Leussink war damals 23 Jahre alt und Assistent am Institut für Technische Mechanik. Bei seinem Lehrer Franz Kögler, einem der Väter der Bodenmechanik, durfte er "bei der Entwicklung der Wissenschaft vom mechanischen Verhalten der Lockergesteine – also etwa der obersten 100 Meter der Erdkruste – mitarbeiten", erinnerte sich der heute Achtzigjährige in seiner Dankesrede im Senatssaal der Bergakademie und unterstrich, um noch einmal zu bezeugen: "Und das geschah hier in diesem Gebäude im Erd- und im Kellergeschoß längs der Nonnengasse."

Die acht "sächsischen Lehr- und Wanderjahre", die Leussink damals an der Technischen Universität Dresden und an der Bergakademie verbrachte, endeten, ohne daß er den erstrebten Doktorhut erwerben konnte. Das verhinderten die Nazis, bei denen er von einem ehemaligen Kommilitonen denunziert worden war.

Damals wurde ihm vom sächsischen Gauleiter Mutschmann das Wort übermittelt, vielleicht könne er ja noch ein brauchbarer Ingenieur werden, aber für eine Tätigkeit an einer deutschen Hochschule käme er nicht mehr in Frage. Im Mai 1936 relegierte ihn das sächsische Kultusministerium. "Kögler ruhte nicht eher, bis diese Maßnahme rückgängig gemacht wurde", erinnerte sich Leussink, aber: "Es gelang nur teilweise, nämlich unter der Bedingung, daß ich keinerlei Kontakt mit den Studenten haben durfte." Bis 1938 beschäftigte ihn sein Lehrer noch privat. Dann verabschiedete sich Leussink nach München und gründete dort nach dem Freiberger Vorbild das Erdbau-Institut an der Technischen Hochschule. Auch seinen Doktor machte er. 1939 nahm sich Franz Kögler, "ein aufrechter Demokrat", das Leben. Noch heute bedrückt Leussink deshalb "immer wieder ein Schuldgefühl".

Über fünfzig Jahre mußten vergehen, ehe die Bergakademie von ihrem ehemaligen Assistenten wieder Notiz nahm. Auch die Kommunisten hatten keinen Geschmack an ihm gefunden. Als Dietrich Stoyan, der jetzige Rektor der Bergakademie, und seine Mitstreiter 1990 den ersten Versuch machten, Leussink wenigstens ehrenhalber zu jenem Doktorhut zu verhelfen, der ihm damals versagt blieb, fanden sie in den Akten den Vermerk, Leussink sei "verständigungsfeindlich". Die Ehrung wurde damals von der Roten Garde der Bergakademie noch einmal verhindert. Die Nachricht, daß der zweite Versuch gelungen sei, erreichte ihn dann rechtzeitig zum 80. Geburtstag.

Das ist eine Geschichte, die Bauingenieure zu schätzen wissen. Ihr Fach fördert eine stille Leidenschaft fürs Happy-End. Wer Staudämme baut, will, daß sie der Gewalt des Wassers widerstehen. Wer Tunnel gräbt, hofft, daß sie niemanden verschütten. Wer Brücken baut, möchte, daß sie in alle Ewigkeit zu überqueren bleiben. Die Boden- und Felsmechaniker, die Tunnelbohrer und Bergbauingenieure sind Rechner und keine Träumer. Das macht ihr Stehvermögen aus. Je härter die Proben sind, die ihrem Optimismus abverlangt werden, desto unverwüstlicher scheinen ihre Naturen zu werden; je länger der Erfolg auf sich warten läßt, desto bärbeißiger ihr Charme.