Von Christoph Dieckmann

Wir sprechen nicht im selben Raum. Er rief aus Wien an. "Hier ist Slash", sagte er, bürgerlich Saul Hudson, Gitarrist von Guns N’ Roses. "Tellya what", sagte er, "Wien hab’ ich gar nicht gesehen. Ich habe den ganzen Nachmittag im Hotel klassische Musik gehört."

Ein Schock. War man doch zuverlässig informiert, die Trümmertruppe aus Los Angeles sei unablässig befaßt mit Sauf-und-Bums-Parties, mit dem Erschießen von Schweinen (oder Hunden?), mit Prügeleien, Heroin, Selbstmord und was ein Rock ’n’ Roll-Kid sonst an Vergnügen findet in dieser fuckin’ Welt. Die Medien wollten es so. Welcome to the jungle: Ein Vierteljahrhundert nach den Rolling Stones sei der Krieg als Vater der Dinge in die Rockwelt heimgekehrt.

Es gab derlei. Seit sich Guns N’ Roses aufmachten vor fünf Jahren, säumten sie ihren Weg mit Exzessen, abgesagten Shows, Tumulten während der Konzerte und wüster Volksbeschimpfung. Axl Rose, der kreischende Sänger, ermunterte zwar stets das Publikum zu freiem Fühlen und Tun. Ihm mißbehagte aber, wenn die Leute, diesem Rufe folgend, wohlgefüllte Bierflaschen auf die Bühne warfen. Im britischen Donington wurden 1988 während eines Konzertes zwei Menschen erdrückt. "Schwer zu sagen, ob man sich da schuldig fühlt", meint Slash. "Es war ein Festival. Wir hatten noch nie vor so vielen Leuten gespielt. Wir stoppten die Show dreimal und sagten den fuckers, sie sollten Ruhe geben."

Bevor man mit Guns N’ Roses sprechen darf, ist ein Vertrag zu unterzeichnen, der jegliche Verfremdung von Zitaten verbietet. "Ich will die richtige Story", erklärte Rose. "Ich will nicht, daß da steht: ‚Steven macht Urlaub‘, sondern: ‚Steven Adler ist in einer fuckin‘ Rehabilitation.’" Adler warfen sie hinaus, weil der Schlagzeuger seine Drogenprobleme nicht in den Griff bekam. Gitarrist Izzy Stradlin, der ein normaleres Leben wünschte, ging von selber. Sänger Rose begab sich in Psychotherapie. Hernach erfuhr die Nation, woher Rose’ ständige Aggressionen stammten: Im Alter von zwei Jahren habe ihn sein Vater sexuell mißbraucht. Wogen von Wärme schwappten fortan der Band entgegen. Amerika, wie es verstehen und vergeben will – zumal Rose auch wissen ließ, er leide während der Konzerte oft an Rückenschmerzen und trage seine schwachen Knöchel bandagiert. Armer böser Bube! Die Stones hätten ihrerzeit nicht mal Genickbruch zugegeben.

"Wir sind nicht mehr die selbstzerstörerische Band", sagt Slash. "Du lebst und lernst. Mit Heroin haben wir aufgehört. Und weißt du, was niemand im Musikgeschäft zugeben wollte? Das Aids-Problem. Jeder hat es auf die Schwulen und die Junkies abgewälzt. Jeder dachte, er könnte weitermachen wie bisher."

Als Freddie Mercury an Aids gestorben war, trugen auch Guns N’ Roses im Londoner Wembleystadion zur Totenklage bei. Sie hofften, der Anlaß überlebe die Show und ihr Bandimage, die Nachbarschaft jener Popkollegen, deren opportunistische Top-40-Musik Guns N’ Roses sonst pflichtschuldigst als shit bezeichnen. Slash räumt ein, bei so erheblicher Popularität werde die Rebellenpose etwas kompliziert.