"Als wir anfingen", erklärt Slash, "waren wir total gegen das Busineß. Jetzt benutzen wir es als Vehikel. Wir sind immer noch total rebellisch dagegen, wie das alles läuft." Doch scheint’s, das böse Kapital kommt mit seinen Hofnarren vorzüglich zurecht. "Fuck ’em!" sagt Slash forsch. "Was meinst du, wie viele von eurer Sorte ertragen sie?" Da wird er noch ein Quent freundlicher und raunt zärtlich in den Hörer: "Wen kümmert das? Komm morgen in die Show. Du wirst sehen: Wir machen, was wir wollen."

Es ist voller als bei Hertha, aber leerer als bei Hertie. Knapp die Hälfte derer, die erwartet wurden, verlieren sich auf den Rängen des Olympiastadions von Berlin. Die Stadt wird überfüttert mit Konzerten. Selbst wochenlanges Rummeln in den Medien hat der "gefährlichsten Rockband der Welt" nicht mehr als 30 000 Wallfahrer eingetragen.

Im Vorprogramm mühen sich Soundgarden aus Seattle und Faith No More. Der Sänger quäkt, das Schlagzeug pappt, das Echo hallt von überall in dieser Riesenschüssel aus Beton. Wer irgend auf Musik hält, drängt in den Innenraum und harrt aus inmitten von verwegensten Gestalten. Unglaubliche Nasen, Ohren und Nacken! Unerhörte Recken in Leder und verzierter Haut! Allen gemein scheint eine gewisse Politikverdrossenheit. Sie stauen sich am Schultheiß-Stand und vor den paar blauen Häuschen, die sie von innen und außen befeuchten. Wo bleibt die fuckin’ Band?

Da! Schlag acht donnert das Intro, springt Slash mit den Kumpanen aus der Kulisse, drischt Matt Sorum ins Trommelwerk. Axl Rose, in Shorts und wehendem Jackett, stemmt den Fliegerstiefel auf die Box und singt "Live And Let Die", das alte James-Bond-Lied.

When you were young/ And your heart was an open book/ You used to say live and let live/ You know you did

Doch nun, hört man von Rose, dem hundertjährigen Tragöden, wolle er leben und sterben lassen.

Zwei Stunden lang arbeiten sich Guns N’ Roses durch ihr düsteres Songbuch. Rose kreischt von Besessenheit, von Mr. Brownstone Heroin, perfekten Verbrechen und daß der Blues dem Tod der Unschuld folge, right next door to hell. Die erste Flasche fliegt. Rose droht mit dem Abbruch der fuckin’ Show und macht weiter. Sie spielen viele Balladen: "Don’t Cry", Bob Dylans "Knockin’ On Heaven’s Door", das prächtige "Civil War", von Slash mit Jimi Hendrix’ "Voodoo Chile" eingeführt. Mit seinem neuen Gitarrenkollegen Dizzy Reed spielt er "White Horses" von den Stones. Überhaupt zitieren sie ständig – die Who, Led Zeppelin im Übermaß, die Attitüden des Punk –, als müßten sie zeigen, was jeder weiß: Hier ist nichts neu. Guns N’ Roses plündern ältere Bestände. Sie schrecken nicht, sie rühren nicht – sie handeln von Rührung und Schock: das Déjà vu als Schöpfungsprinzip, aber zu laut und zu viel. Riesige Aufblaspuppen buhlen um Sensation, Feuerwerk umböllert die Band. Slash und Rose hetzen wie Hasen hin und her auf der achtzig Meter breiten Bühne, die sie sowenig füllen können wie das Stadion. Was sie auch spielen, war schon da. Wie sie auch rennen: Ick bün all hier.