Von Katja Pols

Der Musik mit dem Verwöhn-Schubidu und der näselnden Stimme aus dem Supermarkt-Lautsprecher wird allmählich der Saft abgedreht. Nicht zugunsten der Stille. Der neue Trend heißt Einkaufsradio. Flotte Rhythmen und freundliche Moderation in Radioqualität laden den Kunden ein zu längerem Verweilen. Nach dem Motto: Mein Supermarkt, mein Heim, vielleicht darf’s doch ein Fläschchen Wein mehr sein?

Die Macher des extra für Konsumtempel entwickelten Radioprogramms sitzen in Kiel. Radio P.O.S. – Point of sale – nennen sie sich: „Ein starkes neues Medium.“ Mitte 1990 begannen sie via Satellit in deutsche Supermärkte zu funken. Seitdem erobern sie, von den Käufern fast unbemerkt, immer neue Läden. Bisher sind sie in 810 Filialen zu hören, 78 davon liegen in den neuen Bundesländern. Und bis Oktober werden knapp siebenhundert weitere P.O.S.-Empfänger installiert. Hauptsendegebiet von Radio P.O.S. ist im Moment noch der Norden. Und im Süden lauert schon die Konkurrenz: Im Herbst will ein zweiter Anbieter, die AKK (Anstalt für Kabelkommunikation) aus Ludwigshafen, auf Sendung gehen. Die Konzepte sind nahezu identisch.

„Kein Problem für uns.“ Barfuß sitzt P.O.S.-Geschäftsführer Uwe Köhler an seinem Schreibtisch. Der 32jährige Betriebswirt hob 1990 gemeinsam mit seinem Studienfreund Burkhard Wehrmeyer das Einkaufsradio aus der Taufe. Die beiden Jungunternehmer halten 74 Prozent der Gesellschaft, Dritter im Bunde ist die Norddeutsche Innovations- und Beteiligungsgesellschaft. Seit Juni schreiben die Busineßfunker schwarz: Zahlen. Angepeilter Umsatz für 1992: acht Millionen Mark.

„Einen wunderschönen guten Morgen, liebes Divi-Team“, sagt Ellen Berns sanft. Sie ist die einzige Moderatorin von Radio P.O.S. Vor Geschäftsöffnung versucht sie den Mitarbeitern, später auch den Kunden, ein positives Lebensgefühl zu vermitteln; alle zwanzig Minuten für dreißig Sekunden – längeres Reden ist unerwünscht. Die Spots haben Vorrang. Jede Stunde rieseln etwa sechs Minuten Haus- und Industriewerbung aus den Boxen. P.O.S. kann die Hausspots selektiv in die einzelnen Läden senden, so daß jeder Filialleiter selbst entscheidet, was er bewerben will: die Sonderangebote an der Fleischtheke oder den Spargel aus Holland. Und damit die Schnäppchen auch flott genug angepriesen werden, produziert die Werbung eine Agentur, die ebenfalls den Radiomachern Wehrmeyer und Köhler gehört. Die sogenannten Markenspots dagegen schaltet die Industrie und zahlt dafür an Radio P.O.S. und an die Filialen, die mit diesen Werbeeinnahmen wiederum ihre Satellitenschüsseln finanzieren. Die Filialen selbst müssen an die Kommerzfunker 1500 Mark jährlich für das Programm überweisen. Dafür kann dann sogar die Moderation individuell gestaltet werden. Ellen Berns sitzt vor einem Computer und gibt jeweils die Namen der Läden ein, die sie ansprechen möchte: „An einem so schönen Tag wie heute, liebe Fische ...“ Das Horoskop verliest sie zweimal täglich, auch den Wetterbericht liefert sie auf Wunsch. „Wir schaffen das positive Wahrnehmungsklima für die Plazierung ihrer Produktwerbung“, wirbt Radio P.O.S. Viele Kunden haben das allerdings noch nicht bemerkt. Sie sehen weder die dezent unter der Decke angebrachten ovalen Boxen – eine Neuentwicklung von P.O.S. zur gleichmäßigen Klangverteilung –, noch lauschen sie den Kurzmoderationen oder stellen die verbesserte Musikqualität fest. „Furchtbar, nix wie raus hier“, sagt eine ältere Dame im jüngst an den Satelliten-Sender angeschlossenen co op-Laden in Kiel. Eine jüngere Frau fühlt sich zumindest „nicht gestört“. Die meisten Kunden sind inzwischen so an die Musik in Geschäften, Hotels und Aufzügen gewöhnt, daß ihnen der neue Sound-Teppich gar nicht auffällt. Nur die co op-Mitarbeiter sind begeistert vom Radio. Jetzt hören sie die neuesten Hits statt Rieselmusik.

Das Programm ist genau auf die Verbraucher abgestimmt. Morgens sollen Roland Kaiser, James Last und die Werbung für die Babywindel die Hausfrau in Kauflaune bringen, am späten Nachmittag treffen dann Schallwellen mit den Schlüsselworten „Schnellgericht“ und „Tiefkühlkost“ auf den berufstätigen Eileinkäufer. Dazu schnalzt Brian Adams „Just the way it is“. Nur noch dreißig Prozent der gespielten Titel sind Instrumentalstücke.

Das Konzept scheint aufzugehen. Mit Radio P.O.S. habe die co op EG Schleswig-Holstein in den angeschlossenen achtzig Filialen ihren Umsatz um dreißig Prozent steigern können, behauptet Gerd-Ulrich Rönnfeldt, Werbeleiter der Konsumgenossenschaft. Bei Untersuchungen, die im Auftrag von Radio P.O.S. durchgeführt wurden, kam angeblich sogar eine Steigerung von bis zu sechzig Prozent heraus.