SAARBRÜCKEN. – An der einzigen Universität des Saarlandes wird hart gearbeitet – nicht im Hörsaal, am Image. Während das Semester geruhsam seinen Lauf nimmt, sind starke Männerarme schon lange im Einsatz: Die Straße über den Campus mußte aufgerissen werden und Platz machen für ein Fundament. Auf dem steht nun eine Stahlplastik. Sechs rostige Eisenplatten, rund siebzehn Meter hoch, über 200 Tonnen schwer und wie ein Kartenhaus aneinandergelehnt, ragen in den Saarbrücker Himmel.

Das Kunstwerk, Produkt des Amerikaners Richard Serra, will hier im Südwesten keine Begeisterung auslösen. Wütend reagiert man auf dem Campus. Noch während der Aufbauphase installierten verärgerte Studenten eine Kloschüssel im begehbaren Innenraum und hielten auf dem grauen Stahl ihren Eindruck fest: „Hurz“ kann man da nun lesen, und „Lipschitz“, aber auch „Verschwendung“.

Gerade diesem Vorwurf tritt Kurt Bohr, Chef der saarländischen Staatskanzlei und mitverantwortlich für die Anschaffung, entgegen. Serras „Torque“, zu deutsch „Drehmoment“, belaste den ohnehin gebeutelten Saar-Haushalt nur in geringem Maße. Der Aufwand – „um 900 000 Mark cash“ – decke sich zu einem Drittel aus Spenden. Weitere 500 000 Mark seien durch „Kunst am Bau“-Vorgaben von vornherein gebunden gewesen und zur Hälfte aus Bonn gekommen. Kein Geld also ohne Kunst. Kunst etwa nur für Paragraphen?

Tatsächlich – begeistertes Publikum und strahlende Mienen sind angesichts der Stahlwerke Richard Serras unbekannt. Wo er aufstellt, gibt es Streit. Das ist in New York nicht anders als in Kassel. Die Arbeiten des Amerikaners, der für seine europäischen Projekte schon lange mit einer saarländischen Stahlhütte kooperiert, sind ganz bewußt auf Kontroverse angelegt: Ob riesige Stahlwände, zupflasternde Metallplatten oder monumentale Eisentürme wie der in Saarbrücken – Serras Werke lassen sich nicht in die öffentliche Architektur integrieren, sondern bieten immer einen „eigenständigen Eindruck“, wie es im Katalogdeutsch heißt. Kein Wunder also, daß sich bei Serra Kunst-Skeptiker und Verstandesmenschen gleichermaßen auf den Plan gerufen fühlen.

Für „scheußlich und vollkommen deplaziert“ hält ein Informatikprofessor die Skulptur. Er will im Senat der Universität eine gewaltige Mehrheit erkennen, die dafür wäre, „das Ding einfach abzureißen und zu verschrotten“.

Kritik an der Finanzierung übt man im Studentenausschuß: Auch wenn vom Land selbst nur 250 000 Mark in die stählerne Anschaffung geflossen seien, wären die Mittel doch besser in wichtige Maßnahmen zur Erhaltung des Lehrbetriebs gesteckt worden. Bröckelnder Putz in den Hörsälen, lückenhafte Buchbestände in der Bibliothek, massive Stellenstreichungen an den Lehrstühlen – die Uni-Misere macht vor Saarbrücken nicht halt. Ausgerechnet ein großer Teil des Fachbereichs Kunsterziehung mußte soeben dichtmachen.

Solchen Unmut vernimmt man nicht gern im Saarland-Museum. Dessen Direktor Ernst-Gerhard Güse brachte Richard Serra vor einigen Jahren ins Gespräch, als es um die Verplanung der Gelder für „Kunst am Bau“ ging. In der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit bedauert man die „Kleinbürgerlichkeit“ auf dem Campus und konstatiert ein „mentales Problem“ im akademischen Lehrbetrieb. Wo einseitig der Wert von Buchstaben vermittelt werde, da verkümmerten die visuellen Fähigkeiten. Provokation, wie sie jetzt durch Serras Industrie-Kunst ausgelöst werde, sei hier nur förderlich.