Djuna Barnes: Journalistin, Dichterin, Menschenfeind. Vor hundert Jahren am 12. Juni geboren, ist sie unbekannt und fast vergessen 1982 in New York gestorben. Erst nach ihrem Tod wurde sie als „weiblicher James Joyce“, eine amerikanische Verwandte von Thomas Bernhard entdeckt und gefeiert. Zu ihrem Geburtstag erscheint auf deutsch eine Biographie von Andrew Field

Von Iris Radisch

Eine alte Frau. Blaue Pudelmütze, große Ohren, tiefe Falten. Auf den Straßen New Yorks sieht man sie mit erhobenem Stock, die Handtasche als Armbrust vor den Körper gepreßt, hört sie Flüche gegen ihre Verleger ausstoßen. Die alte Dame kämpft. Sie beschimpft jeden, der ihr zu nahe tritt. Sie führt Krieg gegen die Welt.

Der Weltkrieg zwischen der amerikanischen Dichterin Djuna Barnes und ihrem Jahrhundert dauerte 91 Jahre, er tobte in Paris, Berlin, London, Wien und New York und endete unversöhnt, unentschieden und in gegenseitiger Verachtung am 18. Juni 1982.

New York, 1912. Der Vorhang öffnet sich. Auftritt: eine junge Frau vom Lande. Das Kinn machtvoll und streng in die Höhe gereckt, ein glänzendes Käppi, die Lippen fest geschlossen. Djuna Barnes, die nie eine Schule besucht hat, kommt nach New York, wird Journalistin und sofort berühmt. Sie zeichnet Menschen, die wie Insekten aussehen, und schreibt mit Haut und Haaren recherchierte Reportagen über Zwangsernährung oder Feuerwehr und führt ein Interview mit einem Gorilla. Ihre Artikel tragen so staunenswerte Überschriften wie „Die Aufgabe ist schmutzig und schwer, aber sie muß bewältigt werden – Deshalb macht sich nach einem Frühstück die Boheme auf die Socken“. Es sind Kampfansagen. Der Krieg hat schon begonnen.

„Oft“, erzählt die junge Dame einem Reporter im Jahr 1919, „setze ich mich zum Arbeiten an mein Zeichenbrett, an meine Schreibmaschine. Mit einem Mal ist meine Freude wie weggeblasen. Ich bin das alles leid, weil ich denke: ‚Was hat das denn schon für einen Sinn? Heute leben wir, morgen sind wir tot.. ., und niemand wird je wissen, daß wir überhaupt geboren waren.‘“ Noch keine dreißig Jahre alt, wäre die erfolgreiche Journalistin lieber tot als lebendig.

Glaubt man Andrew Field, ihrem amerikanischen Biographen, ist der Vater daran schuld. Wald Barnes, dilettierender Schriftsteller, Musiker, Maler, rote Haare, roter Bart, rote Wollmütze, ein Landmann, der Opern komponierte und die Kinder vor der Schule bewahrte, weil die Schule den Charakter verdirbt; ein Kerl, der „immer einen feuchten Schwamm auf seinem Sattel bei sich trug, um sich nach einem Geschlechtsverkehr abwischen zu können“. Der Vater, behauptet Field, hat den Krieg entfesselt. Djuna Barnes hat den Vater gehaßt. Aber der Vater hat dem Kind gesagt: „Ein großer Mensch lebt allein.“ Und das hat sie geglaubt.