Von Martin Ahrends

Moskau, Flughafen Scheremetjewo 2 im Mai 1992: Bei der Paßkontrolle gibt es Schwierigkeiten. Wir seien illegal eingereist, heißt es, und es gäbe nun zwei Möglichkeiten: den Rückflug nach Deutschland oder den Gang zum „Konsul“, der uns ein Visum ausstellen könne. „Aber wir haben doch Visa!“ Der Herr aus der Stahlbranche, der nach Donetsk weiterfliegen will, protestiert. Eine freundliche Moskauerin, die für die Lufthansa arbeitet, klärt uns darüber auf, daß wir zwar ukrainische, aber keine russischen Visa hätten. Und daß wir nach der neuen Lage der Dinge ein russisches Visum brauchten, um innerhalb Moskaus vom internationalen Flughafen Scheremetjewo zum Inlandflughafen Wnukowo zu gelangen. Mir erscheint es paradox, daß man nur vom Inlandflughafen Wnukowo ins Ausland Ukraine fliegen kann und daß man, wenn die Ukraine nun ganz und gar Ausland ist, nicht auch vom internationalen Flughafen Scheremetjewo, auf dem wir uns befinden, dorthin gelangen kann ... Solche Einwendungen suche ich dem diensthabenden Uniformierten zu unterbreiten; der Herr aus der Stahlbranche sieht mich mitleidig an, er weiß, wie unangebracht meine Auflehnung ist, er hat schon eine Nacht auf den Holzbänken dieses Flughafens zugebracht.

Der Herr aus der Stahlbranche zahlt denn auch anstandslos die 250 Dollar, die man mir in runde 430 D-Mark umrechnet. Ich bin zu diesem Obolus nicht bereit, kann es nicht sein, weil es die Hälfte meines Reiseetats wäre. Keine Scheckkarte, nein, und einen Rückflug habe ich auch nicht. Ich will von Odessa mit dem Zug fahren, dazu brauche ich mein Reisegeld. „Ich will ja nur zu diesem anderen Flughafen, hier, sehen Sie, mein Flug ist gebucht.“ Die Moskauerin im Lufthansadreß sucht den „Konsul“ zu erweichen, es gäbe doch noch diese andere Möglichkeit, ob er keine Ausnahme machen könne. Sie bettelt und scheitert und ist den Tränen nahe.

Eine dramatische Entwicklung kündigt sich an, ich bin sehr neugierig und bleibe bei meiner Weigerung zu zahlen, wie ich mich ebenso weigere, den Rückflug anzutreten. In der Amtsstube des „Konsuls“ halten sich noch vier Herren auf, die ein bißchen telephonieren, aber meistens nur wichtig in die Gegend starren. Ihre Aufgabe bleibt mir auch während der weiteren Unterhandlungen unklar, sie tragen aber zur gereizten Atmosphäre in dem verräucherten Raum bei. Der schläfrige „Konsul“ trägt einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug, er spielt mit einer Lord-Extra-Schachtel und setzt mir auseinander, daß man mich nicht gebeten habe, illegal nach Moskau zu kommen, um hier Scherereien zu machen. Er habe den Visumpreis nicht festgesetzt; wenn er mir zu hoch sei, solle ich mich an den Finanzminister wenden. Überhaupt: Wer in die Ukraine will, soll auch in die Ukraine fahren. „Wir haben die Ukrainer nicht gebeten, sich von uns abzuspalten!“ – Daher also weht der Wind.

Mit der Moskauerin, die für die Lufthansa arbeitet und am Rande des Nervenzusammenbruchs steht, verlasse ich das „Konsulat“. Sie bemüht sich, meinen Fall anderswo zu klären, mich bittet sie, auf einem Hocker Platz zu nehmen, den sie einer Eisverkäuferin weggenommen hat. Die Eisverkäuferin, die sonst nichts zu tun hat, liest nun im Stehen weiter; ich reiche ihr den Stuhl zurück und frage nach dem Buch: Tolstoi, „Anna Karenina“. Sie jobbt für einen ausländischen Konzern, der dem Eis, so, wie es schmeckt, nicht viel mehr als seinen guten Namen gegeben hat; hergestellt wird es in Lizenz, verkauft an Leute, die wohl nie erfahren werden, wie echtes Moskauer Eis schmecken kann. Wir reden über das wässrige Zeug, das sie da an die Ausländer verkaufen muß. Und über das gute alte Moroshenoje, das es in Moskau gab, früher ... Da beleben sich ihre Augen: Ja, sagt sie, das war noch richtiges Eis, das war weicher und überhaupt – wie Eis eben sein muß. Für einen Augenblick sehen wir uns in den Gorkipark versetzt, mit einem guten Moroshenoje in der Hand, das nur zwei Kopeken gekostet hat. Mein Ein-Dollar-Eis ist an die zweihundert Rubel wert; die Welt ist aus den Fugen. Einheimische kommen zum Eisstand, fragen nach dem Preis, wenden sich angewidert ab.

Die Lufthansabeauftragte erscheint: Sie könne ja nichts dafür, aber ich müsse nun mit dem nächsten Flugzeug nach Deutschland zurück, weil ich illegal... und so weiter. Überall begegne ich wohlbekannten Redensarten der Verantwortungslosigkeit. Vertrautheit und Abscheu sind im Spiel bei dieser peripheren Begegnung mit „Moskau“, mit der „alten Zeit“, die ja nun vorüber sein soll.

Flughafen Scheremetjewo – Ende der Fahnenstange? Ich bin doch verabredet mit Viktor aus Kertsch, der mich auf der Krim erwartet. Der mich vor einem halben Jahr in meinem niedersächsischen Dorf nach dem Weg gefragt hat, als er mit dem Rad unterwegs war von Moskau nach Paris. Der für mich eine Einladung beantragt hat und schließlich auf die Idee kam, den Beamten zu bestechen, woraufhin er mir prompt die Einladung schicken konnte, zusammen mit einem Brief: „Bei uns die Marktwirtschaft einzuführen, das ist, als ob man einen gebratenen Fisch ins Wasser wirft und ihm nachruft: ‚Nun schwimm schön!‘“