Von Udo Perina

Werden Kleinanleger künftig am Bankschalter nur noch im Schnelldurchgang abgefertigt? Die ausführliche Beratung von Kunden mit geringem Vermögen ist vielen Banken zu kostspielig geworden. Um sich der lästigen Kundschaft zu entledigen, haben manche Kreditinstitute – etwa die Dresdner Bank – die Gebühren für das kleine Geschäft kräftig angehoben. Andere Geldhäuser führen Wertpapiergeschäfte zwar noch zu alten Tarifen aus, verweigern Kleinstkapitalisten aber die qualifizierte Beratung. Die Deutsche Bank ersetzt die bisherige Anlageberatung der Filialen durch 350 neue Beratungszentren. In diesen Zentren werden sich hochqualifizierte Spezialistenteams ausschließlich um "vermögende Privatkunden" kümmern.

Damit stellen die Banken ihre früheren Konzepte auf den Kopf. In den achtziger Jahren waren sie noch eifrig darum bemüht, die deutschen Kleinsparer für die Börse zu gewinnen. "Popularisierung der Aktie" hieß die Parole. Mit einer Flut von Informationsdiensten und Börsenmagazinen sollten die Spargroschen der breiten Masse, die weitgehend auf sicheren Konten lagern, für die Aktienbörse mobilisiert werden. Erstklassig wurden die Kunden mit den kleinen Konten trotzdem nicht bedient. Lukrative Kaufempfehlungen für Wertpapiere gingen schon immer vorrangig an Großinvestoren, bevor sie an die Bankschalter kamen.

Dennoch sind viele Kunden auf die individuelle Beratung angewiesen – gerade wenn sie nur wenige tausend Mark an der Börse investieren wollen. Die Banken verfügen über Informationen, auf die private Anleger nicht ohne weiteres Zugriff haben: Unternehmens- und Branchenanalysen, Kurs- und Gewinnprognosen. Oft läßt sich nur aufgrund solcher Daten entscheiden, ob gerade die Aktien von Bayer oder von BMW, von Schering oder Sachsenmilch günstiger sind.

Nun wollen die Banken viele derjenigen, die sie in den achtziger Jahren heiß auf die Börse gemacht haben, im Regen stehen lassen. Die individuelle Beratung, so rechnen führende Bankmanager vor, lohne sich für sie erst ab Anlagesummen von mehreren hunderttausend Mark. Kunden mit geringeren Ersparnissen, die an Aktien interessiert sind, wird der Kauf von Aktienfonds nahegelegt. Das zahlt sich für die Banken dreifach aus: Erstens sparen sie die individuelle Kundenbetreuung; zweitens erhalten sie trotzdem eine Verkaufsprovision; und drittens verdienen sie noch kräftig an den Börsenaufträgen ihrer Fondsgesellschaft.

An der Börse selbst dürfte diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen verfolgt werden. Einerseits fließt dem Markt über die Investmentfonds laufend frisches Kapital zu. Andererseits erhöht sich aber die Gefahr von überraschenden Kurszusammenbrüchen. Der Grund: Wenn die Kleinanleger vom Aktienmarkt verdrängt werden, fällt eine wichtige Teilnehmergruppe am Börsenhandel aus. Häufig fungieren die Mini-Investoren mit ihren weniger professionellen Entscheidungen als wichtiges Korrektiv zu den hauptberuflichen Börsianern und verhindern allzu starke Kursausschläge. Bestes Beispiel war der Börsenkrach vom Oktober 1987. Die meisten Profis hatten sich damals ängstlich zurückgezogen. Die Amateur-Aktionäre erteilten massenhaft Kaufaufträge und verhinderten mit ihrem Mut eine größere Katastrophe.

Börsenfachleute untersuchen bereits, welche Folgen ein mögliches Aussterben der Kleinanleger für die Finanzmärkte haben könnte. Doch das ist nur ein Aspekt des Problems. Mindestens ebenso gravierend erscheinen die vermögenspolitischen Konsequenzen. Mit ihrer neuen Beratungsphilosophie stellen sich die Banken in krassen Gegensatz zur Bundesregierung. Seit vielen Jahren versucht die Bonner Regierung, die Beteiligung der Bevölkerung am Produktivkapital zu fördern. Um "den ordnungspolitischen Grundlagen unseres Wirtschaftssystems neue Geltung zu verschaffen", so der einstige Finanzminister Gerhard Stoltenberg, sei es "Aufgabe aller Marktteilnehmer, die privaten Anleger stärker als bisher zum Aktionär werden zu lassen".