Von Helga Hirsch

Vorgestern, erzählt die Übersetzerin Drinka G., habe ihr ein Bekannter im Schriftstellerverband nahegelegt: "Kauf Glühbirnen! Bald wird es keine Glühbirnen mehr geben!" Dann sei er zum nächsten Kollegen weitergeeilt. "Kauf Glühbirnen", habe er hartnäckig wiederholt. Solange Serbien noch ausreichend Energie erzeugt, wird wohl niemand wegen fehlender Glühbirnen im Dunkeln sitzen. Nach den UN-Sanktionen haben alle serbischen Haushalte Reserven für den Notfall angelegt. Jeder hortet Öl, Reis, Zucker und Alkohol. Viele stapeln Kanister mit Benzin in den Garagen, und der Soziologe Ivan V. hat Dutzende von Sardinenbüchsen gekauft.

Die Sanktionen wirken bereits nach wenigen Tagen. Privatpersonen erhalten gegen Gutschein nur noch dreißig Liter Benzin im Monat. Immer mehr Betriebe stellen die Produktion wegen fehlender Rohstoffe und ausbleibender Zulieferungen ein. Schon jetzt wird das Papier für Zeitungen knapp. Beurlaubte Arbeiter bekommen den reduzierten Lohn noch ausbezahlt, solange Geld vorhanden ist. Das Einkommen des Normalbürgers reicht gerade noch zum Kauf von Lebensmitteln.

Der neue, unerwartete Mangel bedrückt. Doch noch deprimierender als der Gedanke an eine zunehmende Verarmung ist die Furcht vor einer möglichen Ausweitung der Sanktionen. "Nächsten Samstag werden wir von den Amerikanern bombardiert", erklärt eine fünfzehnjährige Schülerin ihrer Freundin. Denn seit westliche Politiker und Medien laut über militärische Interventionen nachdenken, hört sie Eltern und Verwandte jeden Abend darüber debattieren, wann aus Belgrad das neue Bagdad wird ...

Wirkliches Verständnis für die UN-Beschlüsse bringt kaum jemand auf. "Die Sanktionen sind ungerecht", sagt die Frau auf der Straße. "Sie sind einseitig gegen die Serben gerichtet." Und der Intellektuelle im Café bemängelt: "Warum werden die Kroaten von den Sanktionen ausgenommen, obwohl (wie die gesamte Belgrader Presse mit Genugtuung berichtete) UN-Generalsekretär Butros-Ghali in seinem Lagebericht festhielt, daß Teile von Bosnien und Herzegowina von Truppen aus kroatischem Gebiet kontrolliert werden?"

Taktisches Spiel

Nun gibt es sicher immer noch viele Serben, die nur zu gern auf die kroatische Schuld verweisen, um von der eigenen abzulenken. Sie sind gefangen in dem Denkschema, wonach die Serben immer die Rolle des Opfers in der Geschichte spielen. Die Acht-Uhr-Nachrichten des gleichgeschalteten ersten Belgrader Fernsehprogramms bestätigen sie Abend für Abend in dieser Auffassung.