Von Bartholomäus Grill

Wer oder was ist ein Alarmist? Das ist einer, der neue Feindbilder sucht und ausmalt. Der Kommunismus ist tot. Wo stehen jetzt die Bösen? Richtig: im Süden. Es sind die Islamisten, die "Waffenstaaten" der Dritten Welt, die Wandermenschenmassen, die heuschreckengleich über uns herfallen. Der Alarmismus verweise "unverkennbar auf massive legitimatorische Bedürfnisse von Sicherheitspolitikern, Militärs und Rüstungsindustriellen nach dem Ende des Ost-West-Konflikts".

Mit dieser provokativen These leitet der Politikwissenschaftler Volker Matthies einen lesenswerten Sammelband über die Zukunft der Nord-Süd-Beziehungen ein. Generäle, Wehrexperten, Erbsenzähler und ihre journalistische Vorhut weisen solche Unverschämtheiten natürlich weit von sich.

"Wenn Rio scheitert, dann ist das ein Signal für einen Nord-Süd-Krieg", warnt Maurice F. Strong. Der Chefplaner der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung – ein Alarmist auch er? Mitnichten. Denn Strongs scharfe Mahnung erinnert eher an einen modernen Sisyphos, der kurz vor dem Erdgipfel noch einmal laut um Hilfe ruft. Er will nicht Furcht vor dem Süden wecken, sondern den Norden wachrütteln.

Darum geht es auch Volker Matthies, der sich mit der Nord-Süd-Frage schon beschäftigte, als viele Leitartikler die Welt nur im Ost-West-Raster wahrnahmen. "Die Rede vom sich verschärfenden Nord-Süd-Konflikt ist zwar keine Leerformel, doch darf dabei nicht primär an eine militärisch geprägte Konfliktaustragung gedacht werden"; dies sei sachlich falsch und politisch gefährlich.

Die wirklichen Gefahren gehen vom weltweiten Wohlstandsgefälle zwischen Armen und Reichen aus. Nicht die (von den Industrieländern gelieferten) Panzer und Raketen der Entwicklungsländer bedrohen den Weltfrieden, sondern deren Verteilungskämpfe und Staatskrisen, die Hungersnöte und Massenmigrationen sowie die armutsbedingte Umweltzerstörung mit globalen Wirkungen. Die eigentliche "Stärke" des Südens liege also in seiner Schwäche, in seiner "Chaosmacht". Dieser Begriff, geprägt von Dieter Senghaas, bezeichnet das Destabilisierungspotential des Südens für das internationale System.

Matthies empfiehlt den Strategen der Neuen Weltordnung ein neues Denken: Die "Chaosmacht", könne man nicht konfrontativ und militärisch eindämmen, sondern nur kooperativ und entwicklungspolitisch.