Mit strenger Miene und in steifer Haltung blickt General Henri Guisan durch seinen Feldstecher von den Jurahöhen ins Feindesland. Das Bild ist historisch. Es hat reichlich Patina angesetzt. Ein halbes Jahrhundert lang. Damals war die helvetische Militärwelt noch in Ordnung, der Wehrwille ungebrochen. Wie ein Mann standen die Eidgenossen hinter ihrem Armeeführer.

Heute hingegen bereiten Teils tapfere Söhne ihrem Verteidigungsminister Kaspar Villiger viel Verdruß. Zwei Buchstaben und eine Zahl reizen viele Schweizer zur Weißglut: F/A-18 oder "Hornisse" heißt das Ärgernis, ein amerikanisches Kampfflugzeug – mit vom Besten, was der Markt zu bieten hat. Die Militärspitze will füf 3,5 Milliarden Franken 34 dieser Maschinen als Ersatz für schrottreife Vorgänger kaufen. Doch die Eidgenossen bocken. Und weil im Alpenland das Volk auch der Souverän ist und nicht nur wählen, sondern auch Sachfragen entscheiden darf, sieht sich die Regierung in Bern in die Ecke gedrängt.

Binnen einem Monat sammelte die "Gruppe für eine Schweiz ohne Armee", im Volk als GSoA bekannt, über 500 000 Unterschriften für ihre Initiative gegen die Kampfjet-Beschaffung. Ein Rekord. Ein Fallschirmspringer lieferte sie vorigen Montag medienwirksam beim Bundeshaus ab, gerade rechtzeitig vor einer voraussichtlich hitzigen Debatte im Nationalrat. Schon 100 000 hätten genügt, damit die Eidgenossen an der Urne über den Rüstungsgroßkauf entscheiden dürfen.

VonFredyGsteiger Während in Deutschland der Jäger-90-Streit allenfalls die Hardthöhe erregt, ist der F/A-18 zwischen Boden- und Genfersee zum Streitthema Nummer eins in Bussen und Büros, an Theken und im Turnverein geworden. Nicht mehr die Militärs, sondern "der Biertisch" hat das Sagen. Und drei von vier Strategen am Tisch wollen auf die Hornissen verzichten, wenn die Meinungsumfragen nicht täuschen. Minister Villiger hatte nicht damit gerechnet, daß ihm die Bevölkerung noch im letzten Moment mit einer Volksinitiative in den Arm fallen würde. Mit strahlendem Lächeln hatte er sich noch vor kurzem im Cockpit des Jets ablichten lassen. Die Schweiz sei sicherheitspolitisch ein solides Haus, aber das Dach lecke, rechtfertigt er die Investition. Statt einer Friedensdividende und einer "Armee light" fordert er eine "muskulöse Armee 95".

Doch die Untertanen murren. Galt die GSoA noch vor wenigen Jahren als exotischer, ja gefährlicher Sprengel am ganz linken Rand und ihr Kopf, Nationalrat Andreas Groß, als "ewiger 68er", als Störenfried, Nestbeschmutzer und gar als Un-Schweizer, so ist auf einmal die Armee keine heilige Schweizer Kuh mehr. Heute finden selbst konservative Gazetten den ehemaligen Juso-Chef Groß portraitwürdig. Als vor zwei Jahren fast jeder dritte Eidgenosse für die GSoA-Initiative zur völligen Abschaffung der Streitkräfte votierte, leuchteten erste Warnlämpchen auf. Inzwischen haben die Schweizer – nach mehreren vergeblichen Anläufen – endlich an der Urne die Einführung eines zivilen Ersatzdienstes gebilligt. Und nun steht neben dem Referendum zum Bann der Hornissen ein Moratorium mit der Forderung "40 Waffenplätze sind genug" zur Abstimmung an. Unangenehm sind solche Sperrfeuer von unten für die politische Klasse allemal. Manche meinen gar, sie seien "rechtlich bedenklich". Und wortgewaltige bürgerliche Politiker sprechen von "Mißbrauch der Volksrechte". Sie möchten am liebsten die Initiative zum Verbot des Hornissen-Kaufs für ungültig erklären und eine Abstimmung darüber hintertreiben. Verzögern dürfte sie sich allemal.

"Ich würde auch lieber das Eröffnungsband für eine Solaranlage durchschneiden oder eine Rentenerhöhung verkünden", meint Kaspar Villiger heute fast kleinlaut. Den Volkssturm gegen seine F/A-18 hat er so heftig nicht erwartet. Während gewöhnlich Initiativkomitees viele Monate lang um Unterschriften für ihr Begehren fast betteln müssen, standen die Leute diesmal Schlange, um sich an der Uni, im Supermarkt, am Kneipentisch oder auf dem Wochenmarkt in die Unterschriftenbögen einzutragen.

Auch der einflußreiche Abgeordnete Christoph Blocher, der Mann mit dem Ohr für Volkes Stimme, als Regimentskommandeur alles andere als verdächtig, Armeegegner zu sein, wendet sich gegen den Kauf: Er sieht "kein militärisches und finanzielles Nest, in das sich dieser teure Vogel setzen soll". Und die Gemeindeväter des Tessiner Dorfes Riva San Vitale, wohl der üblichen Debatten über Müllabfuhr und Bürgersteigverbreiterungen überdrüssig und begierig, auch einmal "große Politik" zu machen, sandten eine Anti-Hornissen-Resolution ins ferne Bern. Was nütze Hochtechnologie in der gesunden Alpenluft, wenn die Bereitschaft des Volkes fehle, für den Staat zu kämpfen, fragen Kommentatoren.