Von Robert E. Hunter

WASHINGTON. – Sarajevo ging in die Geschichte ein, weil von dort der Erste Weltkrieg ausging. Wenn nicht bald etwas geschieht, um den jugoslawischen Bürgerkrieg zu stoppen, wird die Stadt wiederum Geschichte machen, dieses Mal als der Ort, in dem die „neue Weltordnung“ zerbrach. Solch ein Risiko rechtfertigt ein stärkeres Engagement Amerikas, einschließlich der Androhung – und falls nötig Anwendung – militärischer Mittel.

Vier Fakten offenbaren die Bedeutung des jugoslawischen Bürgerkriegs. Erstens handelt es sich um den schwersten und längsten Konflikt in Europa seit dem Waffenstillstand von 1945. Zweitens ist der Krieg zu einem Testfall geworden, ob in Zukunft brutale Gewalt zwischen den europäischen Staaten und Völkern geächtet wird oder nicht. Drittens wirft er unweigerlich die Frage auf, ob die aus den Trümmern des Kalten Krieges hervorgegangene Welt anders und besser ist. Viertens wird das, was der Westen heute in Jugoslawien toleriert, anderen ehemals kommunistischen Gesellschaften als akzeptables Verhalten vorgegeben.

Jugoslawien ist wichtig, gerade weil es ein Teil Europas ist und an der Grenze zur Europäischen Gemeinschaft liegt. Die EG hat in Europa einen „kriegsfreien Raum“ ohnegleichen geschaffen. Ließen die Kriegsgreuel in Jugoslawien den Westen gleichgültig, würde die Hoffnung zunichte gemacht, daß diese kriegsfreie Zone in Richtung Osten ausgedehnt werden kann.

Ein Ende der Kämpfe würde natürlich die Probleme im ehemaligen Jugoslawien nicht aus der Welt schaffen. Sie können nur durch gemeinsame Anstrengungen seiner zahlreichen Völker gelöst werden. Was nur dann gelingt, wenn sie durch politische und wirtschaftliche Hilfe von außen unterstützt werden. Zwar kann kein Außenstehender das Knäuel von bitteren Erinnerungen und aktuellen Interessengegensätzen entwirren. Doch der Westen kann Gewaltanwendung ächten und Druck ausüben, indem er androht, notfalls selbst Gewalt anzuwenden. Die Vereinigten Staaten haben eine moralische Schuld, weil die Bush-Administration lange Zeit den Zusammenhalt des Vielvölkerstaates unterstützte. Dies gab Serbiens Führung einen Grund, am Ziel der Einverleibung anderer Republiken festzuhalten.

Die Drohung Amerikas, notfalls Gewalt gegen Rest-Jugoslawien anzuwenden, ist die logische Weiterführung einer Politik des Gegenschlags, wie sie im Falle Saddam Husseins angewandt wurde. In diesem geschichtlichen Moment erweist sich die Führungskraft Amerikas wieder einmal als unentbehrlich, um eine gemeinsame Aktion durchzuführen.

Wirtschaftliche Sanktionen allein werden Serbiens entschlossene Führer vermutlich nicht in die Knie zwingen, vor allem dann nicht, wenn ein Militäreinsatz von vornherein ausgeschlossen wird. Es kann nur wenig Hoffnung auf eine neue Weltordnung geben, wenn sich Amerika und seine westlichen Partner vor einer prinzipiellen Entscheidung drücken.