Von Heinz-Günter Kemmer

Daß die Entspannung Probleme mit sich bringen würde, war den Herren der Rüstungsschmiede Rheinmetall seit langem klar. Deshalb versuchte das Unternehmen schon vor mehr als einem Jahrzehnt, sich ein zusätzliches Standbein außerhalb der Waffenbranche aufzubauen. Im Jahr 1979 kaufte die Rheinmetall Berlin AG – die Dachgesellschaft des in Düsseldorf residierenden Konzerns – den Besteckhersteller WMF Württembergische Metallwarenfabrik.

Doch der Versuch, neben Kanonen auch Kochtöpfe zu produzieren, schlug fehl. Das Bundeskartellamt erkor den Fall zum Exerzierplatz für seine Ressourcentheorie: Mit der wirtschaftlichen Potenz von Rheinmetall im Rücken werde die Besteckwarenfabrik für ihre Mitbewerber zu mächtig. Nach fast siebenjährigem Rechtsstreit streckte Rheinmetall die Waffen und verkaufte WMF Ende 1985 an den Wiesbadener Investor Wolfgang Schuppli.

Zu der Zeit hatte das Unternehmen aber schon einen zweiten Anlauf genommen, um von der Rüstungs-Schlagseite wegzukommen. Mit einem Bauchladen kleiner Maschinenbauer begann es, und 1981 kaufte Hans U. Brauner, der 1980 die Verantwortung für den Maschinenbau übernommen hatte, die Jagenberg AG in Düsseldorf – ein Unternehmen, das Maschinen für die Papierindustrie herstellt, aber auch in der Folien- und Verpackungstechnik tätig ist. Die neue Tochter gedieh: Von 520 Millionen Mark im Jahr des Erwerbs stieg der Jagenberg-Umsatz auf nunmehr 1,17 Milliarden Mark.

Aber Brauner und der hinter Rheinmetall stehenden saarländischen Industriellenfamilie Röchling reichte das noch nicht. Mit dem Erlös aus dem WMF-Verkauf stieg Rheinmetall deshalb 1986 beim Vergaserproduzenten Pierburg in Neuss ein – und machte prompt wieder eine Bauchlandung. Der führende Vergaserhersteller wurde nämlich ein Opfer des Umweltschutzes – der abgasreinigende Katalysator der Personenwagen funktioniert in Verbindung mit einer elektronischen Einspritzpumpe deutlich besser als in der Allianz mit einem herkömmlichen Vergaser.

Die Lösung des Problems schien auf der Hand zu liegen – Rheinmetall mußte auch Einspritzpumpen bauen. Aber das Geld für deren Entwicklung war so gut wie aus dem Fenster geworfen. Denn gegen den Marktführer Bosch, der an Pierburg zu allem Überfluß auch noch mit zwanzig Prozent beteiligt war, kam die Rheinmetall-Tochter nicht an. Eine serienreife Einspritzanlage wurde deshalb schnell beerdigt.

Obwohl Pierburg in diesem Jahr die Produktion von Vergasern für die Erstausstattung von Automobilen einstellt – nur für den Ersatzbedarf wird noch mit abnehmender Menge gearbeitet – ist den Rheinmetall-Managern um ihre Tochter mittlerweile dennoch nicht mehr bange. Denn längst werden in den Pierburg-Werken andere Komponenten für die Autoindustrie hergestellt. Und obwohl der Anteil der Vergaser am Umsatz, der in den Jahren 1987 bis 1991 noch gut dreißig Prozent betrug, in den nächsten fünf Jahren auf nur noch drei Prozent sinken wird, soll der Pierburg-Umsatz um ein Fünftel zulegen.

Trotz Jagenberg und Pierburg ist der Produktbereich Wehrtechnik mit 41 Prozent Umsatzanteil aber immer noch dominierend. Nicht zuletzt deshalb, weil Rheinmetall in diesem Bereich noch zugekauft hat: Von Krupp wurde die Mak System GmbH in Kiel mit 315 Millionen Mark Umsatz und knapp 700 Mitarbeitern erworben. So stieg 1991 der Rüstungsumsatz um 17,5 Prozent auf 1,4 Milliarden Mark.

Für diesen scheinbaren Widerspruch zu den strategischen Zielen des Unternehmens glaubt Brauner – seit April 1985 Vorstandsvorsitzender bei Rheinmetall – ein schlüssiges Argument parat zu haben: Die mittelfristige Planung der Bundeswehr ließe eine Umsatzschrumpfung der Rheinmetall-Rüstungssparte um etwa dreißig Prozent erwarten, mit deutlich weniger als einer Milliarde Mark Umsatz lohne sich aber der Aufwand für Forschung und Entwicklung nicht mehr. Die Kieler Aufrüstung sollte dem also vorbeugen.

Doch dies langt den Düsseldorfern noch nicht. Um der vorhersehbaren Schrumpfung des Konzernumsatzes von zuletzt knapp 3,5 Milliarden Mark zu begegnen, sucht Brauner seit Jahren nach einem vierten Standbein – bisher ohne Erfolg. Der Versuch, bei der Heidenheimer J. M. Voith GmbH einzusteigen, scheiterte. Der Maschinenbauer wäre eine gute Ergänzung zu Jagenberg gewesen. Auch der Versuch, passende Teile des ehemaligen Flick-Konzerns Feldmühle-Nobel, der sogenannten Rest-Feno, zu erwerben, schlug fehl. Der schwedische Großaktionär Stora, den an Flicks Konzern eigentlich nur der Papierkonzern Feldmühle interessierte, gab für den Rest der Metallgesellschaft aus Frankfurt den Vorzug vor den Düsseldorfern.

Brauner sitzt nun auf einem Sack voll Geld – die letzte Bilanz weist flüssige Mittel und Wertpapiere von mehr als 700 Millionen Mark aus – und wartet auf eine gute Gelegenheit. Dabei sind 700 Millionen Mark keineswegs die Obergrenze dessen, was Rheinmetall ohne Inanspruchnahme seiner Aktionäre auf den Tisch legen kann. Zusätzlich wartet nämlich ein Immobilienschatz darauf, endlich gehoben zu werden.

Nachdem Rheinmetall die Rüstungsproduktion in Düsseldorf aufgegeben hat, benötigt das Unternehmen ein 180 000 Quadratmeter großes Grundstück in begehrter Lage nicht mehr. Für ein vergleichbares Areal in unmittelbarer Nähe hat das Land Nordrhein-Westfalen immerhin 350 bis 400 Millionen Mark veranschlagt.

Über eine wohlgefüllte Kriegskasse verfügt der Hausmeier der Röchlings also. Sein Ziel: fünf bis sechs Milliarden Mark Umsatz und 20 000 statt derzeit 13 600 Mitarbeiter.