Trainergagen, Trikotwerbung und hauptamtliche Mitarbeiter – im Breitensport geht der Trend immer in Richtung Professionalisierung. Aus manchen althergebrachten Turnvereinen, in denen jeder mitreden darf und der Turnrat das letzte Wort hat, entstehen wirtschaftlich geführte Dienstleistungsunternehmen mit Sportangeboten für jedermann.

Als Anfang der achtziger Jahre die Schauspielerinnen Sidney Rome und Jane Fonda Aerobic auch in Deutschland populär machten, entstand daraus eine lukrative Massenbewegung: Allerorten öffneten kommerzielle Fitneßstudios und Body-Center ihre Tore; den Sportvereinen liefen die Mitglieder davon. Das Geld der körperbewußten Deutschen, die auf der modischen Wellness- Welle schwammen, floß zunehmend in die Taschen der privaten Sportunternehmer. „Die Gesinnungsgemeinschaft Verein funktionierte nicht mehr“, konstatiert Sabine Wedekind, Referentin für Breitensport beim Deutschen Sportbund.

Angesichts des riesigen Freizeitsport-Marktes – jeder dritte Deutsche ist Mitglied in einem Sportverein – wollten sich vor allem große Vereine, wie der Eimsbüttler Turnverband (ETV) in Hamburg, das Geschäft nicht völlig wegschnappen lassen. „Wir haben damals mit drei Sportlehrern den Schritt in die Hauptamtlichkeit gewagt“, berichtet Geschäftsführer Joachim Lehmann über den Beginn der modernen Zeiten. Die Mitgliederzahl stieg daraufhin von 3500 auf heute 8800. Für 22 Mark Grundbeitrag im Monat bietet der ETV „für jeden etwas“: vom Baseball bis zur Wirbelsäulengymnastik. Neben einem Souvenir-Shop, zwei gastronomischen Betrieben und den Immobilien (Sporthallen, Mietwohnungen) bringen die Mitglieder den Hauptteil des dringend benötigten Geldes in die Kassen. Denn die Kosten sind über die Jahre stark gestiegen: 2,7 Millionen Mark gab der ETV im Geschäftsjahr 1990 vor allem für zwanzig Angestellte, Übungsleiter und die Unterhaltung der Sportanlagen aus. Auf Sponsoren aus der Wirtschaft kann der ETV – ebenso wie alle anderen 78 000 Breitensportvereine in Deutschland – nicht setzen. Ortliche Betriebe spendieren zwar mal einen Satz Trikots mit dem Werbeschriftzug, doch haben die Großunternehmen sich überwiegend dem Spitzensport verschrieben.

Nicht nur bei dem Hamburger Großverein ersetzt die betriebswirtschaftliche Kalkulation zunehmend das alte Denken. Insbesondere in Vereinen mit mehr als 1000 Mitgliedern – immerhin jeder dritte in Deutschland – beginnt die Grenze zwischen gemeinnützigem Sportverein und mittelständischem Freizeitbetrieb zu zerfließen. Doch trotz aller neuerschlossenen Finanzquellen sind die Sportvereine auch weiterhin von einer besonderen Spezies Mensch abhängig: dem ehrenamtlichen Funktionär oder Betreuer. Rund 1,3 Millionen Deutsche arbeiten unentgeltlich als Zeug-, Sport- oder Kassenwart, als Trainer oder Abteilungsleiter. Aber es wird immer schwerer, Freiwillige zu finden. Das gilt auch für den Eimsbüttler Turnverband, bei dem „ohne Ehrenamtliche nichts laufen würde“, wie Geschäftsführer Lehmann zugibt. Für September hat er deshalb die ETV-Hobby-Funktionäre zu einer Weiterbildung eingeladen. Das Thema: „Motivation zum Ehrenamt“.

Frank Thomsen