Von Michael Wildt

Die fünfziger Jahre verbergen sich noch immer hinter einer Nebelwand von Klischees. Für die Aufbaugeneration bedeuteten sie Normalität und Zukunftsträchtigkeit nach einer Epoche voller Zerstörungen und Unsicherheit. Die Apologeten des "Wirtschaftswunders" erklärten sie zu Jahren "aufregender Modernisierung", wohingegen sie gestandenen Linken nur als düstere Zeit der Restauration und des patriarchalen CDU-Staats galten, die erst in den späten sechziger Jahren vom lichten Aufbruch der Apo-Generation beendet wurde.

Mit der historischen Zäsur von 1989, die ja auch unter die Geschichte der alten Bundesrepublik einen Schlußstrich setzte, lockerten sich die Fronten. Es ist daher sicher kein Zufall, wenn jetzt ein Linker, der Kulturwissenschaftler Kaspar Maase, Jahrgang 1946, sein Herz für das "motorisierte Biedermeier", wie Erich Kästner einmal die fünfziger Jahre genannt hat, entdeckt. Und Maase hat ja recht, wenn er den 68ern nicht mehr einfach abnehmen mag, daß sie allein die westdeutsche Gesellschaft von ihrem Muff befreiten, und darauf beharrt, daß der Resonanzboden, den sie fanden, in der Tat vorbereitet sein mußte. Vielmehr seien es die Rock ’n’ Roller, die "Halbstarken" und Teenager gewesen, die mit ihrem neuen amerikanischen Lebensstil gegen die Spießigkeit ihrer Eltern protestierten und zugleich die westdeutsche Gesellschaft nachhaltig veränderten. Den Schlüssel bildete das Vorbild Amerika, wobei Maase Amerikanisierung nicht mehr als kulturimperialistisches Schreckgespenst versteht, das Konservativen wie Linken gleichermaßen verhaßt ist, sondern die Perspektive wechselt: "Amerikanisierung von unten", im Sinne einer eigenständigen Aneignung, Umwandlung und Neudeutung des American way of life.

Maase stützt sich auf zwei Quellen. Zum einen hat er zahlreiche Interviews ausgewertet, die für die Shell-Studie zur Lebenssituation von Jugendlichen und Erwachsenen 1985 sowie für andere soziologische Untersuchungen geführt wurden; zum anderen hat er eine Zeitschrift neu gelesen, die viele von uns eine Zeitlang begleitet hat und derer die meisten sich heute nur schamhaft erinnern mögen: Bravo.

Als am 26. August 1956 die erste Nummer von Bravo erschien, war eine Zeitschrift geboren, die sich explizit an ein jugendliches Publikum wandte und wie kein anderes Medium damals Stars und populäre Musik ernst nahm. Der Erfolg war durchschlagend: Innerhalb der ersten zwölf Monate stieg die Auflage auf 200 000 Exemplare, im Frühjahr 1960 erreichte Bravo mehr als 1,6 Millionen Leserinnen und Leser. Über die Hälfte von ihnen war zwischen zwölf und zwanzig Jahre alt, zwei Drittel weiblich. Viele standen bereits im Beruf, ein kaufkräftiges Publikum also, wie auch das rasch wachsende Volumen der Anzeigenseiten zeigte.

Bravo propagierte einen eigenen Jugend-Stil, der sein Vorbild in den USA fand – das Land der Jugendlichkeit, Lässigkeit und des Erfolgs, das sich so gründlich vom Deutschland unterschied, in dem ein Achtzigjähriger regierte und die Kirchen die Sexualmoral bestimmten. Mit Kritik und Spott überzog Bravo den preußischen Drill, den militärischen Gestus und das Zackige der Altvorderen. Den jungen Nachkriegsdeutschen sei "ein lässiges buntes Hemd lieber als die glänzendste Uniform". Statt soldatischer Männlichkeit "hart wie Kruppstahl" formte sich laut Maase, der sich hier an die Gesellschaftstheorie Pierre Bourdieus anlehnt, ein "ziviler Habitus" heraus, welcher sich bewußt von der Elterngeneration absetzte. "Die Alten sind uns auf den Keks gegangen", heißt es in einem der Interviews, "mit ihrem Gesabbel über Krieg und Kriegserfahrung, immer verherrlichend, auch in diesen sozialdemokratischen Cliquen ... die Alternative dazu waren die Amerikaner, wo das alles anders war aus unserer Sicht: Riesenland, reiche Leute, große Autos, dominante Jugendliche."

Das war die zweite Botschaft von Bravo: Erfolg hat, wer sich gut verkauft. Nicht die hehren Ziele bildungsbürgerlicher Humanität, schon gar nicht das Ideal vom deutschen Wesen, an dem die Welt genesen soll, zählten, sondern Kommerzialität. Ganz im Unterschied zu den zwanziger Jahren, in denen Amerika vornehmlich Unternehmer und Intellektuelle begeisterte, eigneten sich im Nachkriegsdeutschland Arbeiterjugendliche den American way of life an, weil er die Verwirklichung des guten Lebens versprach.