Von Manfred Berg

Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf von 1972 versprach wenig Spannung. Kaum jemand bezweifelte, daß Richard Nixon, vier Jahre zuvor mit knapper Mehrheit zum 37. Präsidenten der USA gewählt, sein Amt mit deutlichem Vorsprung behaupten würde. Lange eine der umstrittensten Personen der amerikanischen Politik, hatte sich der konservative Republikaner vor allem durch spektakuläre Auftritte bei Amerikas Erzfeinden in Peking und Moskau in Szene zu setzen vermocht und den allmählichen Rückzug aus Vietnam eingeleitet – sehr zur Überraschung vieler Kritiker.

Ein ernsthafter Gegenkandidat war nicht in Sicht, da die tief zerstrittenen Demokraten sich anschickten, den Politikwissenschaftler George McGovern, einen Exponenten des linken Parteiflügels, zu nominieren. Seine Forderungen – bedingungsloser Rückzug aus Vietnam, Legalisierung von Marihuana – stempelten ihn in den Augen der „schweigenden Mehrheit“ zum Radikalen.

Am Morgen des 17. Juni 1972 jedoch schien sich eine Sensation anzubahnen. Bei dem Versuch, in das Hauptquartier der Demokratischen Partei im Washingtoner „Watergate“-Hotel einzudringen und die Telephone „anzuzapfen“, wurden fünf Einbrecher von einem Wachmann überrascht und anschließend verhaftet. Als Anführer identifizierte die Polizei James McCord, einen ehemaligen Agenten des Geheimdienstes CIA und Sicherheitschef des „Komitees für die Wiederwahl des Präsidenten“, dessen englische Abkürzung Creep auch als „sich von hinten anschleichen“ gelesen werden kann. Wenig später ermittelte das Bundeskriminalamt FBI, es seien noch zwei Mitarbeiter des Komitees, E. Howard Hunt und G. Gordon Liddy, in den Fall verwickelt, ehedem Agenten der CIA beziehungsweise des FBI mit guten Kontakten zur Regierung. Ein Abgrund tat sich auf: Waren der Geheimdienst oder die Bundespolizei, etwa das Weiße Haus selbst, in den Einbruch verstrickt?

Im Weißen Haus blieb man gelassen. „Ein drittklassiger Einbruch“, verlautbarte Nixons Pressesprecher zwei Tage nach dem Vorfall. Alle Fragen nach einer Beteiligung des Weißen Hauses wurden als Wahlpropaganda der Demokraten zurückgewiesen. Ende August, der Wahlkampf trat in seine heiße Phase, erklärte der Präsident vor der Presse „kategorisch“, daß keiner seiner derzeitigen Mitarbeiter etwas mit der Affäre zu tun habe. Die Abwiegelungstaktik hatte Erfolg. Watergate wurde kein Thema im Wahlkampf und Richard Nixon am 7. November 1972 mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt. An diesem Tag dürfte er kaum geahnt haben, daß seine zweite Amtszeit, die er als „große Tage für Amerika“ ankündigte, Watergates wegen, nur anderthalb Jahre dauern würde.

Traumkarriere eines Aufsteigers

Richard Nixon, 1913 in der südkalifornischen Provinz geboren, hatte aus einfachen Verhältnissen den Aufstieg in das höchste Staatsamt geschafft, ein Musterbeispiel für den amerikanischen Traum. Intelligent und ehrgeizig, absolvierte er das College und das Studium der Rechte und machte nach dem Zweiten Weltkrieg, den er zumeist in der Etappe verbracht hatte, eine atemraubende politische Karriere: erst als Abgeordneter im Repräsentantenhaus, dann als Senator und seit 1953 als Vizepräsident Eisenhowers.