Von Eckhard Roelcke

Ist es eine Chance – oder zeigt sich darin ein Dilemma der zeitgenössischen Musik? Immer mehr Konzerte finden nicht mehr in konventionellen Sälen statt, sondern an ausgefallenen, „zweckfremden“ Orten.

Kein Zweifel: Die Gasgebläsehalle der Völklinger Hütte, nur wenige Kilometer von Saarbrücken entfernt, hat mit ihren gigantischen Turbinen und einem Labyrinth aus Stangen und Rohren einen ganz eigenen Charme. Warum aber gerade dort Konzerte mit zeitgenössischer Musik aufführen? Wer braucht solche Umgebung als Stimulans? Die Interpreten, die mit ihren schön polierten Geigen, den blitzenden Trompeten und dem nicht minder adretten Schlagwerk zwischen diesem Maschinen-Koloß sitzen und musizieren? Die Zuhörer, deren Ohren durch die Augenreize „entlastet“ werden? Oder gar die Komponisten in der trügerischen Hoffnung, für die neue Umgebung eine neue Musik (er-)finden zu können?

Das Festival in Saarbrücken ist exemplarisch: Das Ambiente wird zunehmend wichtiger als die aufgeführten Werke. Es ist bezeichnend, daß die stärksten Anregungen nicht aus der zeitgenössischen E-Musik kamen, sondern von fünf Musikern, die unter dem Titel „Le Bücher des Silences“ (Der Scheiterhaufen der Stille) ein aberwitziges Potpourri spielten: ein Gemisch vieler Kompositionstechniken und Stile, mit wenigen notierten, vor allem aber improvisierten Passagen. Wie diese phänomenalen Musiker, allen voran Michael Riessler auf der Klarinette und dem Saxophon, Elemente aus Folk und Funk, Minimal Music, Free Jazz und Klezmer-Musik verknüpften, dabei gelegentlich auch aufs Barock Modelle zurückgriffen – das war faszinierend und in der Intensität viel aktueller und unmittelbarer als manch andere, vermeintlich avancierte Komposition.

Etwa Luca Lombardis Werk „Con Faust“, in dem der Italiener einige übriggebliebene Ideen aus seiner „Faust“-Oper, die Ende vergangenen Jahres in Basel uraufgeführt wurde, wiederaufbereitete: ein Wald-und-Wiesen-Motiv im Horn, eine pastorale Melodei in den Holzbläsern – das klingt zu drei Vierteln nach Wagners „Siegfried-Idyll“ und zu einem Viertel nach Sibelius und Bernstein. Es war geradezu grotesk, wie sich Lombardi mit dieser Musik beim Publikum anbiederte – und dafür auch noch Beifall erhielt.

Demonstrierte Lombardi mit diesem Stück, daß er mit dem Urständ des kompositorischen Materials vertraut ist, mit Dur und Moll und einem die Romantik beschwörenden Orchesterklang, so orientierte sich Nicolaus Richter de Vroe am aktuellen Stand des Materials: In Shibuya, einem Stadtteil von Tokio, hat er sich durch die Hektik des Straßenverkehrs zu einer Komposition anregen lassen, ohne die Eindrücke naturalistisch umzusetzen – eine mechanisch-rhythmische Musik mit harten Schnitten und immer neuen Bewegungsan- und abläufen. Die den ganzen Aufbau charakterisierenden Skalen sind metallisch-hell orchestriert und scheinen endlos in die Höhe zu führen. Diese „Shibuya Movements“ passen, obgleich sie nicht für die Gasgebläsehalle komponiert wurden, in ihrer Prägnanz und kompositorischen Ökonomie in diese Umgebung – ein Glücksfall.

Das Festival des Saarländischen Rundfunks plätscherte zwischen diesen Extremen dahin. In den Werken von Ullmann, Schwehr, Schöllhorn, Obst, Nunes und Wallmann wurde die Diskrepanz deutlich zwischen dem wohlformulierten ästhetischen Anspruch und dem klanglichen Resultat. Den SR-Musikredakteuren fehlt der Mut zum Risiko. Aber wer soll ihn heute noch aufbringen, wenn nicht die Rundfunkanstalten, die selbstbewußt und wegweisend ihrer Verantwortung gerecht werden müßten? Wieder „nur“ ein Beispiel: Daß Marcello Viotti, der Chefdirigent des Rundfunkorchesters, das Festival „künstlerisch leitete“, konnte man nur dem Programm entnehmen; das von ihm dirigierte Abschlußkonzert mit Werken von Dallapiccola, Hartmann und Petrassi war wohl sein einziger Beitrag – zuwenig, wenn man etwa an Hans Zender oder Heinz Holliger denkt, die in der Vergangenheit in Saarbrücken ganz andere Akzente setzten.