Die Texte von Daniil Charms spielt man hierzulande gern als großen Klamauk, angenehm tiefschürfend unterfüttert mit irgendwie absurdem Raunen. Charms ist der Publikumsrenner für freie Theatergruppen oder die Erholungspause für Staatsschauspieler im Nachtstudio – Didi Hallervorden mit Niveau. Anders in Saratow an der Wolga. Dort hat die „Akademie der theatralen Künste“ (keine richtige Akademie, sondern bloß ein widerborstiges Privattheater) in einem Charms-Abend zum ersten Mal den Tod des Dichters im Gulag mitinszeniert – wie eine traurige, nie endende Hintergrundmelodie. Das Programm „Warum ich besser als alle anderen bin“ war jetzt vier Abende lang in zwei kleinen Ostberliner Theatern zu sehen, im „Theater unterm Dach“ und im „theater 89“.

Links auf einem Podest sitzt der Theaterdirektor und Regisseur Iwan Werchowych. In einem langen schwarzen Mantel, einen breitkrempigen Filzhut auf dem Kopf, gibt er den Charms und hält, tiefernst wie auf seiner eigenen Beerdigung, ein paar Vorträge. Zum Beispiel über die garantiert beste Methode, einen Augenblick einzufangen. Man zählt einfach bis drei. „Aber ich bitte zu beachten: Der Schöpfer dieser Methode bin wiederum ich! Schon wieder ich! Einfach erstaunlich!“

Zwischen den Vorträgen: eine quälend und schweißtreibend langsame Nummernrevue. Das Arbeitslager beginnt gleich hinter der Bühne. Die Menschen sind Untote, klägliche Mundräuber, Monster, die in Plumsklos wohnen und sich kunstvoll akrobatisch ineinander verknoten. Die KGB-Schergen, die ein lachhaft schüchternes Liebespaar in ein Loch unter dem Eßtisch zerren, sind hechelnde und grunzende Witzfiguren. Täter und Opfer gibt es nicht. Als Oknov dem Monster Kozlov die Arme ausreißt, die Beine und Hoden, wird er selbst zum Monster. Es gibt auch keine Befreiung, nur eine unentrinnbar dumpfe und verdrehte Welt, den Gulag für alle. Rußland heute: Die KPdSU ist verschwunden, der Druck ist geblieben.

Natürlich ist das alles schrecklich! Und natürlich ist das alles komisch! Vom liegt der Mann auf seiner Frau, hinten klaut er ihr elegant mit dem Fuß die Butter aus der Dose. Ein schrecklich lustiges Programm (und der schrecklichste ist der schönste, der einzig wahre Charms!). Irgendwann verschwindet der Abend stumm im schwarzen Loch eines Blackouts. „Tjuk!“ sagt jemand ganz zum Schluß. Und über allem steht die eine große Frage des Dichters D. C.: Was bedeutet es, daß nichts etwas bedeutet?

Der westliche Zuschauer fühlt sich wie ein Voyeur. Fast beneidet er die Künstler aus Saratow um ihre Verzweiflung. Mit dem Blackout tut sich noch ein zweites schwarzes Loch vor seinen Augen auf, und die ganze bundesdeutsche Theaterproduktion der letzten Spielzeit verschwindet darin. Dekadente Belanglosigkeiten! Dieses Charms-Programm (3 Damen, 5 Herren, 1 Tisch, 2 Stühle) war die Inszenierung der Saison. Und natürlich hat es wieder keiner gemerkt!

Hier zum Trost für alle, die nicht dabeigewesen sind: Das Schreibheft Nr. 39 beschäftigt sich in bisher ungekannter Ausführlichkeit mit Charms’ Petersburger Künstlergruppe „Oberiu“. Und im Herbst erscheinen in der Friedenauer Presse unveröffentlichte Charms-Texte unter dem Titel „Die Kunst ist ein Schrank – Literarisches Tagebuch“. Robin Detje