ZEIT: Herr Biedenkopf, die Herstellung der gesellschaftlichen Einheit in Deutschland bereitet größere Schwierigkeiten als erwartet. Ist das Konzept der Koalition gescheitert?

Biedenkopf: Nein. Wir haben den inneren Prozeß der deutschen Einheit ohne geschlossenes Konzept begonnen. Es hätte wahrscheinlich niemanden gegeben, der diesen Prozeß 1990/91 mit einem geschlossenen Konzept hätte beginnen können. Wenn es aber ein geschlossenes Konzept nicht gegeben hat, kann es auch nicht gescheitert sein.

ZEIT: Heißt das, mangels Konzept kann man weitermachen wie bisher?

Biedenkopf: Das kann man nicht. Man muß die Erkenntnisse, die in den letzten zwei Jahren gewonnen wurden, auswerten und ordnen, auch die Fehler, die gemacht wurden. Diese Bestandsaufnahme, diesen „Status“, haben wir nie nur als Beschreibung der finanziellen Lage verstanden, sondern eben auch als Auswertung der geistigen, sozialen, kulturellen und allgemein politischen Erfahrungen.

ZEIT: Wie soll der „Status“ gemacht werden?

Biedenkopf: Das wichtigste ist die Verständigung darüber, ob wir alle den Sachverhalt „geeintes Deutschland“, so wie es heute ist, gleich sehen.

ZEIT: Unser Eindruck ist, daß im Westen das Gefühl dominiert: „Die im Osten jammern nur und können nicht genug kriegen.“ Demgegenüber meinen die Menschen im Osten vor allem, die kalte Schulter des Westens zu sehen.