Von Gabriele Venzky

Jeden Morgen um vier macht sich die neunjährige Kavita, die Älteste von sechs Geschwistern, auf zu einem kleinen Fluß, der fünf Kilometer von ihrem Dörfchen Varavandi im indischen Maharashtra entfernt ist. Dort haben die Menschen in der Hoffnung, etwas Wasser zu finden, Löcher in das trockene Flußbett gegraben. Manchmal kommt Kavita abends mit einem halben Kupfertopf schlammiger Brühe zurück, meistens aber bleibt der Topf leer.

Im benachbarten Shirur erscheinen die Frauen bereits nachts um zwei mit ihren bauchigen Wassergefäßen an der Zapfstelle des Dorfes. Doch die gibt schon seit drei Monaten keinen Tropfen mehr her. Ein-, zweimal in der Woche kommt statt dessen ein Tankwagen mit Wasser. Eigentlich ist das verboten. Dörfer, die an die Wasserversorgung angeschlossen sind, haben kein Recht auf Tankwagen, sagen die Behörden, egal ob die Versorgung funktioniert oder nicht. Eine offizielle Studie ergab, daß ein Viertel aller Wasserleitungen kaputt ist. Die Einwohner von Shirur haben den Tankwagenfahrer bestochen. Zwei Rupien bezahlen sie pro Achtlitergefäß – mehr bekommen sie ohnehin nicht. Das ist noch billig. Anderswo kostet das Wasser schon zehn Rupien. Fünfzehn Rupien verdient ein Tagelöhner am Tag.

Indien trifft die Dürre, die dieses Jahr nicht nur das südliche Afrika, sondern auch das gesamte südliche Asien von Afghanistan bis Thailand heimsucht, besonders schwer. Je näher der Sommer rückt, je höher die Quecksilbersäulen der Thermometer steigen, je unerbittlicher die Sonne auf die ausgedörrte Erde brennt, desto mehr wächst das Gespenst einer Hungersnot. Trinkwasser ist zum Luxusgut geworden. Die Jahrhundertdürre des Jahres 1987 könnte sich noch als relativ harmlos herausstellen im Vergleich zu der Katastrophe, die droht, wenn nicht bald ein kräftiger Monsun kommt. Doch danach sieht es nicht aus.

Über hundert Millionen Menschen hungern und dursten bereits, jeder sechste auf dem Lande hat nicht genug zu essen. Den Kleinstbauern ist die Ernte verdorrt, für die Tagelöhner gibt es keine Arbeit mehr. Aus dem Landesinnern, aus Madhya Pradesh, werden die ersten Hungertoten gemeldet. Im Distrikt Beed von Maharashtra haben eine halbe Million Menschen auf der Suche nach Nahrung und Arbeit ihre Dörfer verlassen. Die Hirten des salzigen Runn of Kutch haben ihre Herden ins 800 Kilometer entfernte südliche Gujarat getrieben, nur um festzustellen, daß man ihnen das zugesagte spärliche Futter versagt, weil es sich anderswo besser verkaufen läßt. Im indischen Dürregürtel ist ein Drittel des kostbaren Viehbestands eingegangen. Tod und Notschlachtung erwartet viele der noch lebenden Tiere.

Am schwersten getroffen hat es den Staat Maharashtra mit der Hauptstadt Bombay. Für dreißig Millionen Menschen, das sind 62 Prozent der ländlichen Bevölkerung, stellt sich die Überlebensfrage. Dreißig Millionen sind es auch im chronisch dürren Rajasthan. Zwanzig Millionen Menschen in Madhya Pradesh, dem Staat mit dem größten Anteil an Ureinwohnern, ernähren sich bereits von Baumrinde und Wurzeln. Ganze Dörfer in Gujarat sind leer, Millionen Inder in Karnataka und Andhra Pradesh, in Westbengalen und Bihar ziehen in die Tempel und flehen um Regen. In vielen Teilen des Landes ist das öffentliche Verteilungssystem für verbilligte Grundnahrungsmittel zusammengebrochen. Staatliche Arbeitsbeschaffungsprogramme, mit denen in Krisenzeiten die Menschen wenigstens notdürftig am Leben gehalten werden können, sind unzureichend und meist zu spät angelaufen. Außerdem fehlt es an Geld: Unter dem Druck von Weltbank und Internationalem Währungsfonds hat die Regierung die Subventionen kürzen müssen, um ihr katastrophales Haushaltsdefizit in den Griff zu bekommen.

Schon im vergangenen Jahr ist nach drei relativ guten Monsunen die Getreideproduktion um drei Prozent gefallen, weil sich die Grüne Revolution erschöpft hat und der ökologische Raubbau nun voll durchschlägt. In diesem Jahr werden statt der geplanten 183 Millionen Tonnen Reis und Weizen allenfalls 170 Millionen geerntet – wahrscheinlich noch weniger. Dabei müssen Jahr um Jahr achtzehn Millionen Menschen mehr ernährt werden. Die Notreserven des Staates sind von beruhigenden achtzehn Millionen Tonnen im vergangenen Jahr auf spärliche zwölf Millionen gefallen, und es sieht nicht so aus, als ob die staatlichen Aufkäufer die sich rapide leerenden Vorratslager wieder füllen könnten. Experten warnen bereits vor Hungerrevolten und Wasserkriegen.