Von Lutz Reidt

Das laute, fast explosionsartige Geräusch hastig eingesogener Luft ist für die Fischer in Amazonien das Signal: Der Arapaima ist wieder aufgetaucht.

Schlank wie ein Hecht, bis zu vier Meter lang und gut drei Zentner schwer – der Arapaima gigas ist der größte Süßwasserfisch der Erde. Seine Schwimmblase ist zu einer Lunge umgebildet, die ihn alle fünf Minuten an die Oberfläche zwingt. Lauernde Fischer versuchen, ihn mit Speeren zu durchbohren, denn sein Fleisch gleicht dem von Geflügel und ist sehr begehrt. Deshalb wird der Pirarucü, wie ihn die Indianer nennen, zusehends seltener. Häufig fangen die Fischer nur Jungtiere, die noch nicht geschlechtsreif sind. Ein längeres Fangverbot wäre dringend notwendig.

Ohnehin werden im dünnbesiedelten Amazonien einige Arten viel zu häufig gefangen. Die hier lebenden Menschen haben sich bei Fang und Verzehr stets auf wenige Fischarten beschränkt und den großen Rest verschmäht – mehr eine Frage der Gewohnheit als des Geschmacks. Im Schnitt essen sie fünfmal mehr Fisch als etwa die Deutschen. Jetzt, da die Bevölkerung schnell wächst, müssen einzelne überfischte Arten geschont werden. Einheimische und deutsche Wissenschaftler raten, statt dessen ein sehr viel breiteres Spektrum an Fischen zu nutzen.

Immerhin tummeln sich in den Fluten des Amazonas und seiner Nebenflüsse nach groben Schätzungen 2000 bis 3000 verschiedene Fischarten, von denen die meisten eßbar sein dürften, wie Erfahrungen aus vergleichbaren Regionen zeigen: „In den südostasiatischen Tropen sind viele Fischarten ab einer Größe von rund zehn Zentimetern durchaus eine schmackhafte und hochwertige Nahrung“, sagt Wolfgang Junk, Leiter der Arbeitsgruppe Tropenökologie am Max-Planck-Institut für Limnologie in Plön.

Die Plöner Gruppe untersucht in Manaus, der Hauptstadt des brasilianischen Staates Amazonas, gemeinsam mit dem Amazonas-Forschungsinstitut (INPA) die Ökologie der Überschwemmungsgebiete. Die großen Flüsse schwellen während der Regenzeit immens an: Bei Manaus steigt der Pegel des Rio Negro um vierzehn bis achtzehn Meter. Bis zu hundert Kilometer weit überfluten die Ströme zu beiden Ufern die Wälder. Wenn das Flußsystem des Amazonas einem riesigen Binnenmeer gleicht, kommt die Futterzeit der Fische. Während der Trockenzeit haben sie in den Randseen entlang der Flüsse gehungert und auf das Hochwasser gewartet. Jetzt können sie endlich in den Wald schwimmen, um sich fettzufressen. Einige Arten haben es auf Insekten abgesehen, die ins Wasser gefallen sind; andere bevorzugen Blätter und Baumsamen; viele jedoch verputzen die Früchte des Waldes. Sie reagieren auf das „Plopp“ einer herabfallenden Frucht, schwimmen herbei und fressen sie.

Solch ein Früchtefresser ist der Tambaqüf. Dieser bedeutende Speisefisch wird einen Meter groß und gut zwanzig Kilogramm schwer. Sein Fleisch ähnelt dem unseres Karpfens. Er ist ein Verwandter des Piranhas, dessen verrufene Sippe ebenfalls viele Früchtefresser rekrutiert. Mit ihren messerscharfen Zähnen können die Sägesalmler mühelos das Fruchtfleisch von den hartschaligen Kernen beißen.