Von Helga Hirsch

Als erster Ombudsmann nicht nur in der polnischen Geschichte, sondern in ganz Mitteleuropa wirkte eine Frau. Professor Ewa Letowska stritt für die Rechte der Bürger erst im kommunistischen, dann im demokratisch legitimierten Staat. Nach vier Amtsjahren kam sie zu dem deprimierenden Urteil: Der Wechsel der Systeme hat im Umgang mit rechtsstaatlichen Prinzipien nicht viel geändert. "Es ist unsere alte polnische Sünde, daß wir so spät erst aus dem 19. Jahrundert erwachten. Die Kenntnis der Menschenrechte und der Verfassung ist minimal – nicht nur bei Laien, sondern auch bei Juristen."

Doch Frau Letowska lamentiert nicht, sie handelt. Schnell wurde sie zur konsequenten und fordernden, aber auch humorvollen und charmanten Schulmeisterin des kühlen Rechtsstaats. Als echte Polin hat sie also eine Mission. Aber da sie entgegen dem herrschenden Wertekanon Professionalität mehr schätzt als politische Überzeugung, teilten sich bei der streitbaren Juristin sehr schnell die Geister. Die einen bedenken sie voller Neid und Angst mit Spott und Wut. Die anderen – sie sind in der Überzahl – sehen in ihr eine Hoffnungsträgerin, die dem amorphen Leben endlich Struktur und den fließenden Verhältnissen Stabilität gibt.

Sie sei eine "politische Primadonna der Saison" mit Linkslastigkeit, diskreditierte sie der Erziehungsminister Andrzej Stelmachowski, als er noch Marschall des Senats war. Aber das polnische Helsinki-Komitee, obwohl erst mißtrauisch, weil sich diese politisch nicht ausgewiesene Frau noch in kommunistischen Zeiten anheuern ließ, bescheinigt ihr inzwischen neben großer Fachkenntnis auch einen nicht korrumpierten Umgang mit der alten Macht.

Um sich Gehör und Respekt zu verschaffen, brauchte Ewa Letowska neben Energie, Tatkraft und Fleiß eine gehörige Portion Selbstbewußtsein. Verfassung, Gesetze und Menschenrechte sind bindend, schrieb sie dem Obersten Gericht, dem Parlament wie auch der Regierung ins Stammbuch. Jedem Bürger stünden ungeachtet seiner politischen und weltanschaulichen Haltung die gleichen Rechte zu, versicherte sie in ihren Feuilletons und Fernsehsendungen dem unerfahrenen Citoyen. An Themen mangelte es nie.

Wie kann es, fragt sie, in einem Rechtsstaat angehen, daß die staatliche Wahlkommission bei der Zulassung der Partei X strengere Maßstäbe anlegt als bei den übrigen Parteien? Selbst wenn der Parteivorsitzende ein Scharlatan, ein mystischer Heilsbringer oder ein Betrüger sein sollte, gelte die Wahlordnung ohne Einschränkung auch für ihn.

Wie können, fragt sie, in einem Rechtsstaat Lehrkräfte aus der Schule mit der Begründung hinausgesäubert werden: "Sie waren gut unter Parteichef Gierek, und sie waren gut unter General Jaruzelski, also können sie im neuen demokratischen Polen nicht gut sein."? In der Tat entbehren politische Säuberungen jeder Rechtsgrundlage, denn das Parlament hat nie einen entsprechenden Beschluß gefaßt.