Draußen stehen die Kandidaten Schlange. drinnen macht sich Unzufriedenheit breit. Die Aspiranten verbinden mit der Europäischen Gemeinschaft Wachstumschancen, Integrationsvorteile, Stabilität, die Mitglieder schimpfen über Butterberge, Bürokratie und Bürgerferne. Wer noch nicht zum feinen Zwölferclub gehört, erhofft sich von einem Beitritt wahre Wunder, während innerhalb der Gemeinschaft die gehört, an der Zukunft des Unternehmens Europa lauter werden.

Das Nein der Dänen zu den Maastrichter Verträgen hat einen Schock ausgelöst. Damit ist nicht nur die Verwirklichung der im Dezember vereinbarten Verträge über die politische Union sowie über die Wirtschafts- und Währungsunion gefährdet. Schon im Dezember hatte Frankreichs Präsident François Mitterrand seine Partner gewarnt: „Wenn die Gemeinschaft in Maastricht versagt, wäre dies der Anfang ihres Niedergangs.“

Das dänische Veto, aber auch der Widerstand der anderen Mitgliedstaaten gegen das neue Vertragswerk macht einen Stimmungsumschwung bei einer Vielzahl von EG-Bürgern deutlich, in dem ein fundamentaler Widerspruch steckt. Auf der einen Seite machen sich Sorgen und Nöte über die Zukunft sowie Ärger über Details breit, auf der anderen Seite stehen die positiven Erfahrungen mit dem Zusammenwachsen der Gemeinschaft. Noch vergangenen Monat äußerte bei einer Meinungsumfrage in allen EG-Ländern die Mehrheit der Bevölkerung die Ansicht, daß die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft ihrem Land nutzt. Doch im Alltag werden die Wachstums- und Wohlstandsgewinne, die durch die Integration ermöglicht werden, längst als Selbstverständlichkeit hingenommen, während der Unmut über die handelnden Regierungen für aktuelle Aufregung sorgt.

Dabei haben die EG-Mitgliedsländer viel zu verlieren. Immerhin errechnete im März 1988 eine Arbeitsgruppe unter Vorsitz des Italieners Paolo Cecchini die „Kosten der Nichtverwirklichung Europas“. Das Ergebnis: Ohne den (inzwischen zu einem guten Teil praktizierten) Europäischen Binnenmarkt verzichten die Europäer auf Integrationsgewinne in Höhe von mindestens 400 Milliarden Mark. Im Cecchini-Bericht hieß es dazu: „Diesen positiven Trend könnten die EG-Regierungen durch eine angemessene und abgestimmte Politik noch verstärken. Die Wirtschaft der Gemeinschaft dürfte jedenfalls einen bislang nicht gekannten Leistungsstand erreichen.“

Das sieht nach der besten aller Welten aus, auch wenn solche Aussagen zwangsläufig spekulativ bleiben. Eines indes läßt sich nicht bestreiten: Europa ist eine Insel des Wohlstands, obwohl, es auch hier Armut und Arbeitslosigkeit gibt. Doch die Gemeinschaft produziert heute ein Viertel des weltweiten Sozialprodukts, und nach der jüngsten Statistik der Weltbank rangieren acht EG-Länder unter den reichsten der Erde.

Auch die weniger entwickelten Mitglieder haben vom europäischen Wachstumstempo (und von Milliarden aus den Brüsseler Strukturfonds) profitiert. In Portugal, dem ärmsten EG-Land, lag das Pro-Kopf-Einkommen zum Zeitpunkt seines Beitritts vor sechs Jahren bei lediglich 28 Prozent des europäischen Durchschnitts, heute sind es immerhin 40 Prozent. Spanien machte einen noch größeren Schritt nach vorn, Irland konnte sein Einkommensniveau bei etwas über 60 Prozent halten. Allein Griechenland ist immer weiter hinter den EG-Durchschnitt zurückgefallen.

Heute ist der Wirtschaftsraum mit seinen 325 Millionen Verbrauchern so eng zusammengewachsen, daß ein Auseinanderdriften kaum mehr vorstellbar ist. Rund 60 Prozent ihrer Exporte wickeln die EG-Staaten untereinander ab, beim Start der EWG im Jahre 1958 waren es noch bescheidene 35 Prozent. Das Kapital folgte den wachsenden Warenströmen, Unternehmen wurden im Nachbarland gekauft, Produktionsstätten gebaut. Der Wegfall der Binnenzölle und der weitgehend ungehinderte Kapitalverkehr wurden zu den beiden Hauptelementen der europäischen Erfolgsstory.