Wir stimmen vollständig mit den Zielen einer wissenschaftlichen Ökologie überein, in der die Ressourcen des Universums erfaßt, überwacht und erhalten werden; wir fordern aber hiermit, daß diese Erfassung, Überwachung und Erhaltung auf wissenschaftlichen Kriterien und nicht auf irrationale Vorurteile begründet werden.“ Das ist der Kernsatz des „Heidelberger Aufrufs“, den 264 Wissenschaftler aus 29 Ländern, darunter 52 Nobelpreisträger, unterzeichnet haben. Der Appell richtet sich „an die Staatsoberhäupter und Regierungschefs, die sich zur Umweltkonferenz in Rio de Janeiro versammelt haben“.

Doch die Warnung der erlesenen Gelehrtenschaft „vor Entscheidungen, die auf pseudowissenschaftliche Argumente oder auf falsche beziehungsweise belanglose Daten gestützt sind“, wird die Politiker nicht sonderlich beeindrucken. Denn es mangelt dem Aufruf an Überzeugungskraft, weil er nicht Roß und Reiter nennt. An keinem einzigen Beispiel wird dargetan, auf welche Weise „eine aufkommende, irrationale Ideologie dem wissenschaftlichen und industriellen Fortschritt entgegenwirkt und die wirtschaftliche und soziale Entwicklung hemmt“. Kaum vorstellbar, daß dieser Mangel keinem der 264 Unterzeichner aufgefallen wäre, zumal viele von ihnen, wie Linus Pauling, Manfred Eigen, Ilya Prigogine oder Umberto Eco, vorzüglich die Kunst beherrschen, mit exemplifizierten Argumenten zu überzeugen.

Es wird wohl die elende Rücksichtnahme gewesen sein, die wieder einmal eine notwendige Initiative verwässert hat, die Rücksichtnahme auf das, was der Aufruf anprangern will: das Vorurteil. Wir lächeln über Johannes Kepler, weil er an Hexen glaubte, wir wundern uns über Sigmund Freuds Begeisterung für den numerologischen Hokuspokus des Berliner Chirurgen Fliess – und vergessen darüber, daß auch mancher Wissenschaftler unserer Tage aufhört, wissenschaftlich zu denken, wenn dies seine Vorurteile ins Wanken (oder seine Forschungsmittel zum Versiegen) zu bringen droht.

Darum unterblieb, was gemeinhin als guter akademischer Stil gilt: der exemplarische Beleg für die in der Heidelberger Kritik geäußerte These, wonach wir einer massiven pseudowissenschaftlichen Irreführung ausgesetzt seien. Doch dieser Nachweis hätte mit Sicherheit einige der gesammelten Unterschriften gekostet. Die aber schienen den Verfassern des Aufrufs wichtiger zu sein als dessen argumentativer Gehalt.

Also drückte sich die Heidelberger Versammlung europäischer Wissenschaftler, die den Text des Appells im April ausgearbeitet hat, davor, die angesprochenen Staatsoberhäupter und die Öffentlichkeit darüber aufzuklären, wie die Hüter der Weisheit jene beunruhigenden Theorien und Prophezeiungen einschätzen, mit denen wir Tag für Tag erschreckt und unsere Wissenschaftler am Forschen gehindert werden. Nur eine kritische Stellungnahme, etwa zur Klimakatastrophe, zur Apparatemedizin oder Gentechnik hätte genügt, um daran beispielhaft zu erläutern, wo Wissenschaftlichkeit endet und Scharlatanerie beginnt.

Schade. Es wäre denen, die für die Geschicke der Nationen verantwortlich sind, eine Hilfe gewesen, zu erfahren, an welchen Merkmalen in ihrer Argumentation die Leute zu erkennen sind, denen es nur darum geht, Angst zu säen, damit sie sich als vermeintliche Retter der Erde empfehlen können. Wer sonst wäre zu solcher Aufklärung berufen, wenn nicht diejenigen Wissenschaftler, die mit ihrer Forschungsarbeit den Nachweis erbracht haben, daß sie befähigt sind, zu erkennen, was wahr, was wahrscheinlich, was möglich, was ungeklärt und was barer Unsinn ist. In Heidelberg hatten sie die Chance, dies mit dem Gewicht ihrer geballten Autorität und ihrer Nobelpreise zu tun – sie ist vertan.

Thomas von Randow