STUTTGART. – Am Lüftungsschacht hängen Wollsocken zum Trocknen, zwei Handspiegel sind in Augenhöhe an der Wand festgeklemmt. Pappkartons teilen Dieters Schlafplatz ab. Zwei Stühle vom Sperrmüll, als Tisch ein Brett über zwei Obstkisten: Kaffeetassen und Bierdosen stehen herum, ein Beutel Tabak liegt daneben. Klaus schüttelt den Kopf, als neben ihm ein Auto mit quietschenden Reifen über den Betonboden in Richtung Ausfahrt kurvt. Manchmal ist es etwas laut in der Tiefgarage der Neuen Staatsgalerie. Aber daran haben sich Dieter und Klaus schon gewöhnt.

Neun Wohnsitzlose haben den Winter über in der Garage unter der Galerie gelebt. Zum 1. Juni mußten sie raus. „Nicht weil sie uns gestört hätten“, sagt Hans Hägele, der Pächter des Parkhauses. „Aber wir sind ja schließlich kein Obdachlosenheim.“ Daß Klaus und Dieter dennoch immer mal wieder in ihre Nische unter dem Kunsttempel des britischen Architekten James Stirling kriechen, nachts oder wenn es regnet, sieht Hägele nicht – zumindest tut er so: „Die Menschen wirklich auf die Straße zu setzen, könnte ich vor mir selbst nicht verantworten.“ Im Einvernehmen mit der Museumsleitung war klar, daß die acht Männer, eine Frau und ihr Hund bleiben konnten, solange es draußen kalt war. Als es wärmer wurde, hat Hägele ihnen sozusagen gekündigt, und gleichzeitig versprochen, daß sie nächsten Winter wiederkommen können. Sang- und klanglos seien „die Brüder“ dann abgezogen.

„Schade“, sagt eine Museumsangestellte, „dahinten, wo die waren, ist jetzt nur noch ein dunkles Loch.“ Sie habe sich viel sicherer gefühlt, als die mit ihrem Hund noch da gewesen seien. Gerade Frauen hätten oft bei ihnen geparkt, berichten auch die Wohnsitzlosen. Die Aufpasser-Rolle war schließlich in beider Interesse: „Wäre mal etwas passiert, hätten alle geschrien, das waren die Penner, und wir wären rausgeflogen“, sagt Klaus. Einmal, erzählt Dieter stolz, hätten sie zwei Diebe vertrieben, die es auf die Feuerlöscher abgesehen hatten.

Ordnung muß sein, in einem schwäbischen Parkhaus sowieso: „Wir haben denen Eimer und Kehrwisch hingestellt, und die halten ihren Platz sauber“, erzählt Hägele. Zum Duschen gehen die Garagenbewohner regelmäßig in die Caritas-Wärmestube, wo es auch frische Wäsche gibt. Und wenn sie mal müssen, dann dürfen sie auch: Sogar die Museumsleitung habe offiziell erlaubt, daß sie die Toiletten der Staatsgalerie benutzen. „Die da oben haben sich eben mit uns hier unten arrangiert“, sagt Dieter. Der Museumsdirektor parke immer da drüben. „Der grüßt immer, und ab und zu mal bringt er mal ’ne Tüte Brezeln vorbei.“

Katja Marx