Von Carl D. Goerdeler

Der Gang des Esels bestimmt den Arbeitsrhythmus der Bauern von Santiago Laollaga. Wer besitzt schon eine Wasserpumpe oder einen Traktor im Dorf? Fast alle Familien, 500 mögen es sein, pflügen die schmalen Äcker mit dem Holzpflug, den der magere Grauschimmel zieht. Mit gekrümmten Rücken pflanzen die Campesinos den Mais und ernten ihn mit der Machete. Wenn die Söhne herangewachsen sind, verdingen sie sich als Lastenträger im Pazifikhafen Salina Cruz oder wandern ins ferne Ciudad de Mexico. Denn nur der Jüngste erbt das bißchen Land, das nicht einmal ausreicht, um mit seinem Ertrag alle Mäuler zu stopfen.

Santiago Laollaga, Provinz Oxaca, Distrikt Tehuantepec, eines von zigtausend Dörfern in Mexiko. Kein Bauer dort besitzt mehr als neun Hektar eigenes Land. Achtzehntausend Hektar stoppeliges Ödland der Gemeinde gehören zur Allmende, Land, das jeder Bauer nutzen darf. Vierhundertfünfzig Hektar teilen sich die dörfliche Genossenschaft und die Kleinbauern; nur dieses Land wird vom Rio Los Perros bewässert – wenn er überhaupt Wasser führt.

Wohl alle Laollagueños leben von der Hand in den Mund; sie hausen in winzigen Lehmhütten, oft ein Dutzend Menschen in einem Raum. Sie kochen Mais und Bohnen mit Krüppelholz oder trockenen Agavenblättern. Das Wasser holen sie aus dem Fluß. Im kümmerlichen Garten pflanzen sie Kräuter, Zwiebeln und Tomaten. Hühner und Hunde, vielleicht auch Puter und Schweine, Esel, Maultier oder Pferd, ganz selten eine Kuh, gehören zur Kate. Nur einige Kleinbauern haben das Geld für Dünger und Saatgut. Den ejidatarios, den Genossenschaftsbauern, geht es nicht besser. Fast alle stehen bei der Genossenschaftsbank in der Kreide. Viele würden lieber ihren Anteil am Land verkaufen und das Glück woanders versuchen, aber das Agrargesetz erlaubt es nicht. Der ejido, der genossenschaftliche Gemeinbesitz an Grund und Boden, ein indianisches Erbe, ist Mexikos heilige Kuh.

Vergilbte Photos erinnern: Tierra y Libertad! Emiliano Zapata, Sombreros, Pferde und Macheten. Mexiko in Aufruhr! Klöster und Scheunen brennen. Die Revolution der Campesinos, siegreich noch vor Lenin in Rußland und Mao Tsetung in China. Die Bauern Mexikos kämpfen 1910 bis 1917 vor allem um eine gerechtere Verteilung des Landes, das eine Handvoll Hacienderos und Geistliche bis dahin alleine besessen hatte. Mexikos Landreform wird vom populistischen Präsidenten Lázaro Cárdenas (1934 bis 1940) noch weiter vorangetrieben.

Keiner in Mexiko darf seither mehr als 100 Hektar Ackerland oder 500 Stück Vieh besitzen; Geistliche und Ausländer sind vom Grunderwerb grundsätzlich ausgeschlossen. „Das Eigentum an Grund und Boden leitet sich vom Gemeineigentum der Nation ab, die das Recht hat, Grund und Boden an einzelne zu übertragen und damit Grundeigentum zu schaffen“, so heißt es im Artikel 27 der mexikanischen Verfassung. Landbesitz ist im Grunde also ein Lehen, das der Staat verleiht. Bis ins einzelne schreibt die Verfassung vor, wie das Gut der Erde zu verteilen sei. Gefördert werden soll das sozial verpflichtete Gemeineigentum, verhindert die Konzentration des Landes in wenigen Händen. Deshalb auch darf kein Stück des ejido, des genossenschaftlichen Grundes, veräußert, verpachtet oder belastet werden.

Die große Landreform, die einstmals Millionen Mexikaner von der Hungersnot und dem Joch wahrer Leibeigenschaft befreit hatte, pervertierte im Lauf der Jahrzehnte zu einem Instrument der politischen und ökonomischen Knebelung und führte dazu, daß der Staat immer mehr Bürokraten zu alimentieren, die Bauern aber immer weniger zu essen hatten. 280 000 Beamte der Landwirtschaftsverwaltung wachen über 28 000 bäuerliche Genossenschaften. Immer noch wird weitgehend nutzloses, unfruchtbares Land an ejidos verteilt. Die Hälfte des mexikanischen Territoriums ist ejido-Land. Das ändert nichts daran, daß Mexikos Landwirtschaft nicht mehr in der Lage ist, die eigene Nation zu ernähren. Millionen Tonnen typischer Grundnahrungsmittel wie Mais, Weizen, Reis und Bohnen müssen eingeführt werden. Mexiko ist außerdem der weltweit größte Milchimporteur.