Steckt der französische Staatskapitalismus in der Sackgasse? In den zuständigen Pariser Kreisen wird die Frage mit einem eindeutigen Ja beantwortet: Die Abhängigkeit von der Wirtschaft und der Kollaps des Kommunismus haben dem Modell, eingeführt im 17. Jahrhundert von Jean Baptiste Colbert, dem Oberintendanten der Finanzen unter Ludwig XIV, in den vergangenen Jahren endgültig den Garaus gemacht.

Über den Ausweg wird trefflich gestritten. Michel Albert, Chef der staatlichen Assurances générales de France (AGF), hatte seinen Landsleuten Ende 1991 kurzerhand das "rheinische Modell" empfohlen, nach dem Motto "Kohl statt Colbert". Der deutsche "Kapitalismus mit menschlichem Antlitz" sei einfach der leistungsfähigste, schreibt er in seinem Buch "Kapitalismus kontra Kapitalismus" (siehe ZEIT vom 29. November 1991).

Der Bankier und Universitätsprofessor Olivier Pastré setzt dagegen auf einen französischen Sonderweg: In seinem Buch "Les nouveaux piliers de la finance" (Die neuen Säulen der Finanz), dem neuesten Beitrag zur französischen Kapitalismusdiskussion, ruft er die Republik der zinzins, der institutionellen Anleger, aus. Die meist staatlichen Banken und Versicherungskonzerne, so der Autor, könnten Frankreich aus der Krise führen.

Der Ausbau der Sozialversicherungen und der Boom der Finanzmärkte haben – weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit – aus den zinzins in den vergangenen zehn Jahren die wichtigste Finanzsäule der französischen Wirtschaft gemacht. Die Caisse de dèpôts, die Credit lyonnais oder die Versicherung UAP sind Schlüsselaktionäre in fast allen großen Unternehmen. Sie halten jenseits des Rheins nicht nur 25 Prozent aller Aktien, sondern auch 57 Prozent aller Obligationen. Und ihre Bedeutung dürfte künftig noch kräftig zunehmen, meint Pastré.

Die geballte Finanzkraft der zinzins ängstigt Pastré nicht – im Gegenteil: Sie sollen eine Scharnierfunktion zwischen Staat und Unternehmen übernehmen. "Ist die Zeit nach dem Scheitern eines planwirtschaftlichen Makro-Dirigismus und eines liberalen Mikro-Aktivismus nicht reif für einen Mittel-Interventionismus ..., der sich auf Akteure stützt, die weder gänzlich privat noch gänzlich staatlich sind?" fragt Pastré.

Was der Bankier mit dieser "medianen Wirtschaft" meint, zeigt das Beispiel Industriepolitik. Der Staat gibt den Rahmen vor, der von den zinzins und ihrem Kapital dann möglichst marktnah ausgefüllt wird. "Ist es nicht vorstellbar, daß der Staat mit den zinzins einen mächtigen Multiplikator seines Einflusses findet – und dabei die unvermeidbare Subjektivität der Ministerien vermeidet?"

Bisher allerdings wollen die zinzins die ihnen von Pastré zugedachte Rolle nicht so recht annehmen; sie gehen mit ihren Mitteln noch recht diskret um. Und in einem Punkt bleibt das sonst gut argumentierende Essay von Pastré unbefriedigend: Wer überwacht die allmächtigen institutionellen Anleger? Ohne Kontrolle droht, worunter gerade die französische Wirtschaft lange gelitten hat: Technokratenherrschaft. ls