Der israelische Schriftsteller Amos Oz ist in seinem Land ein umstrittener Mann: Als Mitglied der israelischen Friedensbewegung kämpft er für das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat. Amos Oz ist auch hierzulande, jedenfalls unter pazifistisch Gesinnten, umstritten: Während des Golfkrieges, als es bei uns nur noch "Friedensfreunde" und "Kriegshetzer" gab, plädierte er für diesen Krieg. Jetzt ist dem "Kriegshetzer" Amos Oz der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zugesprochen worden.

Amos Oz hat damals der deutschen Friedensbewegung vorgeworfen, sie betreibe einen umgekehrten Rassismus: In der Dritten Welt erblicke sie das Gute, in Amerika den Teufel. "Der ewige Feind Deutschlands ist nicht seine Grausamkeit, sein Barbarentum, sondern der Hang zur Sentimentalität, zum Kitsch, zum Irrationalismus."

Diesen Befund verschärft der jugoslawische Krieg. Woher kommt die allgemeine Gleichgültigkeit, die himmelschreiende Stille? Spielt sich dieser Krieg nicht vor unseren Augen ab? In einer europäischen Kulturlandschaft, die uns bis vor kurzem noch angenehme Ferienaufenthalte beschert hat? Und werden nicht Frauen, Kinder, Greise aufs trefflichste massakriert, werden nicht UN-geschützte Kulturdenkmäler aufs gründlichste zerstört, so daß die frei flottierende Empörung ein reiches Betätigungsfeld anträfe? Woher die Golfkriegswut, woher die Serbienkriegsmilde?

Unser Begriff vom Frieden, hervorgegangen aus der Erfahrung des totalen Krieges, ist total. Er ist unbedingt, ein romantisches Konstrukt und deshalb sentimental. Im jugoslawischen Krieg sind Gut und Böse schwer zu trennen; es geht bloß um Traditionen und um nicht geheilte Wunden.

Der Schriftsteller Jochen Schimmang veröffentlicht im jüngsten Heft der Zeitschrift Merkur einen Essay über den amerikanischen Philosophen Richard Rorty, der unseren Glauben an normative Letztbegründungen unhaltbar findet. Unser Schicksal sei die Kontingenz, die "zufallsblinde Prägung". Kontingenz bedeutet, daß die Familie, in die wir hineingeboren wurden, also auch Kultur und Gesellschaft, zufällig sind und nicht zwangsläufig. Daraus folgt nicht die völlige Beliebigkeit von Urteilen, denn es genügt, so Rorty, daß wir unserer eigenen Geschichte Wert beimessen, unsere kulturelle Identität kennen und dafür einstehen – daß wir mit Nietzsche sagen können: "So wollte ich es!"

Der reine Friede ist bekanntlich kein Zustand, sondern ein Wunsch. Da das Wünschen allein nicht hilft, ist es gut, daran zu denken, daß die Friedenssehnsucht (wie alle Sehnsüchte) gebunden ist an die Möglichkeit des Augenblicks und an die Begrenztheit der eigenen Sicht. Gleichwohl haben wir im Kriegsfall das Recht und die Pflicht, die Bedrohung unserer Welt und Lebensform als Maßstab des Urteils zu nehmen. Im Golfkrieg hätte das bedeutet, nicht nur das materielle Interesse, sondern auch das moralische in Anschlag zu bringen und die Verteidigung Israels durch die Vereinigten Staaten als unsere, nämlich deutsche Sache zu empfinden. Und im jugoslawischen Fall hieße es zuallererst, von diesem Krieg mitten in Europa zu begreifen, daß er uns angeht, und seine Bedingungen zu studieren. So wären wir vielleicht früher zu dem Schluß gekommen, der sich jetzt durchsetzt: daß es sich um einen serbischen Landnahmekrieg handelt.

Dieser pragmatische, den deutschen Absolutismen ferne Friedensbegriff ist auch der von Arnos Oz. Der Golfkrieg, sagte er, habe den Israelis eine ernüchternde Lektion bereitet. Sie wüßten nun, daß sie mit den Palästinensern auskommen müßten: "Wir müssen mit ihnen Frieden schließen, nicht weil sie nett, nicht weil sie Opfer sind, sondern weil sie da sind." Nach dem unreinen Krieg käme der unreine Friede? Mehr soll und darf man nicht wollen. Wer sich dafür einsetzt, ist kein schlechter Friedenspreisträger.

Ulrich Greiner