Von Reiner Luyken

Um fünf nach neun hält der Schulbus vor dem Haus. Das allmorgendliche Frühstückschaos findet ein überstürztes Ende. Unser Kinderschwarm klettert wie eine Hundemeute über das Gartentor in das geduldig wartende Gefährt. Dann rollt der Bus gemächlich hügelauf und hügelab ins nächste Dorf.

Vielleicht ist die Achiltibuie Primary School, eine Landschule mit 33 Eleven, nicht das typische Beispiel für den Schulalltag in Großbritannien. Die schlimmen Geschichten, die man regelmäßig in den Zeitungen über den Zustand des Erziehungswesens liest, der Katalog von Vandalismus, Schuleschwänzen und Jugendkriminalität, klingen hier wie Nachrichten aus einer fremden Welt. Doch an dem seit Jahren tobenden, ideologischen Grabenkrieg zwischen den Jüngern des Thatcherismus und den Lehrergewerkschaften um Pädagogik, Erziehungsziele und Lehrmethoden kann sich auch eine noch so idyllische Zwergschule im schottischen Hochland nicht vorbeimogeln. Die Schulen sind auf der Insel ein heißes Politikum.

Es ist der erste Tag nach den Osterferien. Alistair Fraser unterrichtet die drei ältesten Jahrgänge der siebenklassigen Grundschule, sechzehn Kinder zwischen neun und elf Jahren. „Jeder von euch bekommt zwei Minuten Redezeit, um über seine Ferien zu berichten. Macht euch Notizen. Dafür habt ihr fünf Minuten. Nur Stichworte, keine ganzen Sätze. Ihr sollt frei sprechen. Nicht so wie mein Gestammel, über das ihr euch immer lustig macht.“ – „Sie machen sich doch selber darüber lustig!“ gibt ein Junge zurück.

Unausweichlicher Konflikt

Sein Erziehungsziel umreißt Mr. Fraser ganz konkret: „Die Fähigkeit, ohne Ahs und Ehs zu argumentieren. Und sie müssen lernen, ihren Mitschülern zuzuhören.“ Eine Orientierung, mit der er sich – wie die Mehrheit seiner Berufskollegen – auf Kollisionskurs zu den restaurativen Erziehungsidealen des Thatcherismus bewegt. „Wissen und Urteilsvermögen“, tönt das Dogma aus dem Erziehungsministerium, sei nur durch fachorientiertes und nicht durch sozialbezogenes Lehren erlangbar; einen zukunftsorientierten Bildungsstandard könne man nur durch Tests und Prüfungsnormen erreichen anstatt (wie gegenwärtig) durch individuelle Betreuung und Beurteilung. Die neue Zauberformel lautet: Traditioneller Klassenunterricht ist das A und O. Moderne Erziehungsmethoden haben versagt.

Das Erziehungsministerium legt freilich nur die Rahmenbedingungen fest. Die Schulen werden von mit den Regierungsbezirken in Deutschland vergleichbaren Verwaltungseinheiten finanziert und verwaltet. Vor allem in städtischen Gebieten bestimmen die dort dominierende Labourpartei – und durch Labour die Lehrergewerkschaften – die Erziehungspolitik. Das Ministerium gebärdet sich als Fürsprecher der Elterninteressen. Der Konflikt ist programmiert. Viele Lehrer werden in ihm völlig aufgerieben.