Von Ernst Tugendhat

Unter den Stichwörtern "Abtreibung" und "Euthanasie" stehen wir heute vor einer Reihe unumgänglicher und in ihrer ethischen Beurteilung beirrender Probleme, die teils neu, teils alt sind (neu, wegen neuartiger, durch den medizinischen Fortschritt entstandener Realitäten), die sachlich diskutiert werden müssen, das heißt in einer Form, in der allen gegensätzlichen Gesichtspunkten ihr volles Gewicht zugestanden wird. Sie müssen öffentlich diskutiert werden, weil sie sonst teils unnötiges Leid erzeugen, teils hinter den Kulissen von Fall zu Fall unkontrolliert und ohne politischen Konsens gelöst werden.

Zu diesem dringend erforderlichen Diskurs bietet das Kinsauer Manifest keinen Beitrag, der uns Bürgern, die wir in diesen Fragen alle der Klärung so dringend bedürftig sind, einen Weg oder auch nur den Teil eines Weges oder eine Richtung weisen könnte. Dieses Manifest ist, im ganzen gesehen, trotz seiner prominenten Unterschriften, ein demagogisches Pamphlet, in dieser Hinsicht beinahe dem von den Verfassern für ihre Gegner zum Vergleich herangezogenen Goebbels-Film "Ich klage an" vergleichbar: In beiden Fällen sollte, nur in jeweils umgekehrter Richtung, durch

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Rekurs auf naheliegende, emotional einleuchtend erscheinende Vormeinungen eine totale oder jedenfalls sehr viel weitergehende Lösung suggeriert werden. Das ist das Wesen von Demagogie.

Im vorliegenden Fall lautet diese weitgehende Lösung, daß jede Tötung jeglichen menschlichen Lebens "gänzlich außer Betracht" bleiben muß. Begründet wird das damit, daß wir, wenn auch nur irgendeine Tötung, sei es die eines eben erzeugten Embryos, sei es die eines hoffnungslos Leidenden, der um Erlösung fleht, zugelassen wird, auf eine schiefe Ebene geraten, die bis zum Programm der Nazis führe, in dem sich der Staat derer entledigen wollte, die nur Kosten verursachten.

In diesem Zusammenhang auf den Goebbels-Film hinzuweisen ist ein Bumerang, denn Goebbels erreichte gerade nicht, was das Manifest erreichen möchte, die Öffentlichkeit gegenüber den Unterscheidungen, die hier gemacht werden müssen, zu entsensibilisieren, insbesondere gegenüber der grundlegenden Unterscheidung zwischen einem Leben, das für den Betreffenden selbst nicht mehr lebenswert ist, und einem Leben, das für die Gesellschaft beschwerlich ist.