Von Maria Huber

Ein Geburtstagsfest im Familienkreis – diese Freude zumindest wollen sich die meisten Moskauer noch gönnen. Aber Gastfreundschaft wird immer seltener. Im vergangenen Jahr waren die Geschäfte leer, jetzt sind es die Geldbörsen. Die freien Preise, mit denen die russische Regierung am 2. Januar die freie Wirtschaft einläutete, haben die Lebensmittel im Schnitt um das Zwanzigfache verteuert.

Den 75. Geburtstag ihres Vaters wollten Sonja und Lena trotzdem angemessen feiern. „Obwohl schon ein Kilo Weißkohl auf dem Markt achtzig Rubel kostet – und wir brauchen für 25 Leute zwei Kilo, um die Piroggen zu füllen –, haben wir keine Ausgaben gescheut“, erzählt Lena, Chefsekretärin eines führenden russischen Politikers. Doch als der letzte Gast das Haus verließ, sei sie vom „schrecklichen Gefühl“ befallen worden, daß es diesmal nicht gereicht habe. Nichts sei übriggeblieben. Lena: „Die Gäste essen alles auf, denn zu Hause müssen sie sich einschränken.“

Ersparnisse aufgebraucht

Ob in Rente oder mitten im Beruf – fast alle Moskauer müssen jetzt monatlich den letzten Rubel ausgeben, um sich über Wasser zu halten. Häufig reicht es nicht. Seit der Freigabe der Preise im Januar habe er die Ersparnisse der vergangenen fünf Jahre aufgebraucht, nur um seine kleine Familie zu ernähren, klagt Wolodja, wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Forschungsinstitut. Seit Januar kann sich ein Normalverdiener kein Kleidungsstück mehr kaufen. Nur wer Zwischenhandel und Spekulation betreibt oder eine führende Position in der staatlichen und kommunalen Verwaltung für lukrative Geschäfte nützen kann, hat von den Reformen bislang profitiert.

Die unbedachten oder leichtfertig abgetanen Folgen der Preisfreigabe sind zu einem gefährlichen Sprengsatz geworden. Die Aufhebung der Preiskontrolle, diesen ersten Reformschritt nach dem Rezept des Internationalen Währungsfonds (IWF), hatte die russische Regierung mit der drastischen Kürzung der Subventionen und Sozialausgaben verbinden wollen und sollen. Doch die Inflation war mit den Methoden des IWF nicht zu kontrollieren. Mit Streiks und Streikdrohungen erkämpften wichtige Branchen und Berufsgruppen Kredite und Kompensationen.

Durch die massiven Lohnerhöhungen – zum Beispiel für die Ölarbeiter – geriet das Einkommensgefüge völlig aus dem Gleichgewicht. Bergleute, aber auch viele Hilfsarbeiter verdienen heute mehr als 12 000 Rubel (etwa 170 Mark) im Monat; ein Arzt, Lehrer oder Wissenschaftler bringt es allerhöchstens auf 3000 Rubel.