Matthias und das runde Bett

Journalismus ist bedeutungsvoller Klatsch. Darüber sind wir uns einig. Man will wissen, was los ist. Man will wissen, wenn andere Pech gehabt oder ein faules Ding gedreht haben. Aber man kann nicht überall zur gleichen Zeit sein in der rasenden Welt. Also gibt es Journalisten, die dafür bezahlt werden, daß sie ihren Mund nicht halten können. Sie tragen die Nachrichten hin und her. Sie müssen ganz schön auf Zack sein. Immer der erste unter den Ersten. So war denn auch nicht die Affäre um die „Hitler-Tagebücher“ des stern die journalistische Pleite dieses Jahrhunderts, sondern die von allen nicht für fünf Pfennig die Zeile vorausgeahnte Wiedervereinigung Deutschlands. Die sogenannten unseriösen Blätter waren ganz genauso phantasielos gewesen wie die sogenannten seriösen. Kein Wunder also, daß alle wirklich großen Magazine daraufhin der Geschichte diesen Gang übelnahmen und auf diese vorher nicht abgesprochene heiße Story verhalten reagierten.

„Der stern war nur zögernd auf das Deutschlandthema angesprungen“, schreibt, das rasende Deutschland genau beobachtend, der Spiegel-Reporter Matthias Matussek in seinem rororo-Sachbuch „Palasthotel Zimmer 6101“. Und der Spiegel Wo war der denn gewesen? Das bekannte Nachrichtenmagazin! Wenn diese elitäre Kadettenanstalt aus Hamburg 11 nicht den Matthias Matussek als „Reporter im rasenden Deutschland“ (dieser Buch-Untertitel kommt den Egon-Erwin-Kisch-Erben auch bekannt vor) gehabt hätte! Die wären ja noch weit hinterm Mond! Will sagen hinterm stern! Und von der ZEIT ist natürlich überhaupt nicht die Rede. Das schmerzt. Also weiter gegen den rasenden Matthias Matussek. Der war der einzige, der absolut einzige auf der ganzen Welt, der sie in der Nase gehabt hat, die Bedeutung der deutschen Wiedervereinigung. Da steht’s: „Die ganze Welt schaute auf Ost-Berlin, so daß ich beschloß, gleich dortzubleiben.“ Ob das satirisch gemeint sei? Da hätten Sie aber mal den spitzen Aufschrei meiner Kollegin, der ZEIT-Redakteurin XYZ hören sollen. „Satüüüre!“ hat sie aufgeschrien. „Der meint das ernst. Dafür lege ich meine Hand in die Druckerpresse. Das kannst du verwerten.“ Was hiermit geschehen ist.

P.S. Beinahe hätten wir vergessen zu erwähnen, welche Entbehrungen der Reporter im rasenden Deutschland auf sich genommen hat: „Während die Kollegen vom stern im vornehmen Grand Hotel residieren, erlaubte die Spiegel-Verlagsleitung ihren Redakteuren nur das Palasthotel.“ Nur das Palasthotel – und dann diese Reportagen. Ach Matthias.